Architektur in Woluwe-Saint-Lambert: ein Hauch von Modernität

Woluwe-Saint-Lambert, vom ländlichen Ambiente der Vergangenheit zur fortschrittlichen Gemeinde der Gegenwart

Die Gemeinde im Brüsseler Osten verdankt ihren Namen dem Wasserlauf  Woluwe, der ihr Gebiet und ihr Stadtbild nachhaltig geprägt hat. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Gemeinde ländlich geprägt, doch dann setzte sie städtebaulich Akzente und griff dabei auf sämtliche Architekturstile des vergangenen Jahrhunderts zurück. Ursprünglich entwickelte sich der historische Kern der Gemeinde rund um die Sankt-Lambertus-Kirche und den Weiler Roodebeek, der aus einigen Bauernhöfen und Landgütern bestand, von denen heute noch einige Überreste zu sehen sind. Im 20. Jahrhundert wurden eine Reihe von Wohngebieten, aber auch Geschäftsgebäude und Firmensitze errichtet, die im Kontrast zu den vielen Grünflächen und Wasserstellen stehen, die die Landschaft dieser eher vornehmen Gemeinde prägen. 

Vue générale sur deux bâtiments Art Déco

Wenn man das historische Zentrum hinter sich lässt, entfernt man sich von den alten Architekturstilen und konzentriert sich auf den Historismus und die Stile des 20. Jahrhunderts. Dies gilt auch für das Castel de Linthout, das zwischen 1867 und 1869 im neogotischen Stil für den Anwalt Auguste Beckers errichtet wurde. Zu dieser Zeit war es im Stadtteil Linthout noch recht ruhig... Später wurde das elegante Anwesen vergrößert und an die Nonnen vom Sacré-Cœur verkauft, die es zu einer Bildungseinrichtung umfunktionierten. Heute befindet sich auf dem Gelände die Tanz- und Kunstakademie „Académie de Musique, de la Danse et des Arts de la Parole“ (Avenue des Deux Tilleuls, 2).

Woluwe-Saint-Lambert zählt zwar nicht zu den bekanntesten Jugendstil-Gemeinden, hat aber dennoch einige interessante Beispiele zu bieten, wie z. B. diese drei durch den geometrischen Jugendstil inspirierten Reihenhäuser, die zwar sehr unterschiedlich sind, aber dennoch aus der Feder des gleichen Architekten stammen: Edouard Frankinet, der sie zwischen 1903 und 1905 errichtete. Eines der drei Häuser diente dem Architekten als Wohnhaus... natürlich das imposanteste, breiteste und prestigeträchtigste: die Nummer 21 (Avenue des Rogations, 17-21)

Wussten Sie, dass die zwischen 1908 und 1911 im neugotischen Stil erbaute Kirche Saint-Henri eine originalgetreue Nachbildung einer alten Genter Kirche ist, die im 19. Jahrhundert abgerissen wurde und von König Leopold II. sehr geschätzt wurde? Auf Drängen des Herrschers entstand dieses Heiligtum, in der sich diese 1901 neu gegründete Pfarrei niederließ. (Parvis Saint-Henri).

Weiter geht es zum ehemaligen Atelier und Wohnhaus des Bildhauers Oscar Jespers, der 1928 einen der wichtigsten modernistischen Architekten Belgiens, Victor Bourgeois, mit dem Bau beauftragte. Das Ergebnis? Eine durch und durch modernistische Architektur mit abgerundeter, vollkommen glatter Fassade ohne jegliche Verzierung, Flachdach, breiten Fensterbändern etc. (Avenue du Prince Héritier, 149).

Krönenden Abschluss dieses architektonischen Spaziergangs bilden zwei Art-déco-Bauten... Die Résidence Vergote und die Rotonde (1935). Die beiden Architekten dieser Mehrfamilienhäuser, Vermeiren und Dewit, nutzen die Kontraste von Farben und geometrischen Formen. Werfen Sie einen Blick auf den Eingang, der mit seinen Keramikplatten und Reliefs aus weißem Stein überaus kunstvoll gestaltet ist (Square Vergote, 10 und 10b).

Das Nachbarhaus ist ebenfalls einen Blick wert. Das bürgerliche Art-déco-Haus wurde 1924 erbaut. Auch hier wird mit Farben gespielt: ein Mix aus Backstein in unterschiedlichen Farbtönen – sogenannter Seeländer Backstein – und eine Imitation von weißem Stein. Die Fassade ist insgesamt sehr ornamental gestaltet. (Square Vergote, 8)  

Kleiner Exkurs: In Brüssel entstanden ab den 1920er-Jahren schöne Beispiele für Gartenstädte, ein Konzept aus England, das darauf abzielte, am Stadtrand Viertel mit Arbeiterhäusern im Grünen zu errichten, die über alle modernen Annehmlichkeiten verfügten. Die Gartenstadt Kapelleveld entstand einst in einem noch brachliegenden Gebiet. Sie wurde in der Zeit von 1922 bis 1926 von den avantgardistischen Architekten Antoine Pompe, Huibrecht Hoste, Jean-François Hoeben und Paul Rubbers gestaltet. Sie entwarfen über 400 Häuser mit 19 verschiedenen Typen, darunter 10 Geschäftshäuser. Wenn Sie ein schönes Beispiel für die Philosophie und den Stil des Modernismus besichtigen möchten, besuchen Sie die Gartenstadt Kapelleveld!