Engagierte Intellektuelle

1. Éliane Vogel-Polsky

Éliane Vogel-Polsky war in Belgien eine zentrale feministische Figur der vergangenen Jahrzehnte und hat sich ihr Leben lang für die Gleichberechtigung von Mann und Frau eingesetzt.

Sie ist russischer Abstammung, wurde 1926 in Gent geboren und zog 1938 mit ihrer Familie nach Brüssel. Sie promovierte an der ULB in Jura und spezialisierte sich auf Sozialrecht.

Éliane verkörperte zunächst in Belgien und später auch auf europäischer Ebene den Artikel 119 des Vertrags von Rom (1957), der sich ausdrücklich für die gleiche Entlohnung von männlichen und weiblichen Arbeitnehmern für die gleiche Arbeit einsetzt.

Éliane engagierte sich unermüdlich für Lohngleichheit, die Stellung von Frauen in der Unternehmenshierarchie und in Führungspositionen. Sie öffnete Frauen die Augen und machte sie auf Ungleichheiten in der Arbeitswelt aufmerksam. Ihr Einsatz führte unter anderem zur Revolte der Arbeiterinnen der Fabrique Nationale in Herstal: 1966 blockierten 3500 Frauen drei Monate lang die Fabrik! Die Frauen erhielten zwar eine Lohnerhöhung, doch auf Gleichberechtigung mussten sie vorerst noch warten...

Sie war davon überzeugt, dass die berufliche Gleichstellung durch Veränderungen in der politischen Sphäre erreicht werden: Somit strebte Éliane eine stärkere Vertretung von Frauen in den Parlementen und idealerweise eine Parität oder „paritätische Demokratie“ an.

Sie verstarb Ende 2015 in Brüssel. Im Zuge einer neuen Stadtplanung wurde kürzlich eine Straße an der Grenze zwischen den Gemeinden Laeken und Jette nach ihr benannt.

2. Marie Popelin

Diese Brüsseler Grande Dame – eine der Gründerinnen der Frauenrechtsbewegung in Belgien – spielte im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Mentalitäten.

Sie wurde 1846 in Schaerbeek geboren und nahm im Alter von 37 Jahren ein Jurastudium an der ULB auf. Nach ihrem Abschluss will sie den Eid als Anwältin ablegen. Dies wird ihr vom Berufungsgericht verweigert, weil sie eine Frau ist! Das Gericht ist der Ansicht, dass „die besondere Natur der Frau, die relative Schwäche ihrer Konstitution, [...] ihre besondere Aufgabe in der Menschheit, [...] die Erziehung, die sie ihren Kindern schuldet, die Leitung ihres Haushalts und des häuslichen Herdes, die ihrer Pflege anvertraut sind, sie in Bedingungen versetzen, die mit den Pflichten des Anwaltsberufs kaum vereinbar sind, und ihr weder die Muße, noch die Kraft, noch die Fähigkeiten verleihen, die für die Kämpfe und Mühen der Anwaltskammer notwendig sind“.

Die „Affaire Popelin“ wird zum Ausgangspunkt für ihr Engagement für die Sache der Frauen. Sie gründete gemeinsam mit anderen Frauen die „Ligue belge du droit des femmes“ (d. h. die belgische Liga für Frauenrechte) und forderte die Emanzipation der Frau in Form von Veröffentlichungen, bei Vorträgen und Kongressen, die hauptsächlich in Brüssel stattfanden.

3. Lucia de Brouckère

Vielleicht kennen Sie den Place de Brouckère, der auf die Figur des Charles de Brouckère verweist, der im 19. Jahrhundert Staatsminister und Bürgermeister von Brüssel war. Aber kennen Sie auch Lucia de Brouckère?

Die Familie de Brouckère ist ein belgisches Adelsgeschlecht, dem auch Lucia entstammt. Lucia – genannt „Lucie“ – bekannt für ihre starke Persönlichkeit, studierte  Chemie an der ULB. Von 1930 bis 1932 lehrte sie an der Universität Gent als erste Frau an einer naturwissenschaftlichen Fakultät in Belgien. 1934 war sie derart bekannt, dass sie zur Präsidentin des Weltkomitees der Frauen gegen Krieg und Faschismus gewählt wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs ging sie nach London ins Exil und widmete danach ihre ganze Energie dem Aufbau des Prestiges der chemischen Fakultät der ULB. Lucia wollte ihre Studierenden nicht nur zu guten Wissenschaftlern, sondern auch zu Freigeistern erziehen.

Sie war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Institutionen und engagierte sich auch in anderen Bereichen, insbesondere in säkularen Kreisen wie der Freimaurerei oder im Centre d'Action laïque (Zentrum für säkulare Aktion).

Sie verstarb 1982,  nicht ohne der Lucia de Brouckère-Hochschule ihren Namen hinterlassen zu haben.