Architektur in Jette

Jette, seine Grotte, sein Chalet und der Architekt Diongre

Der Brüsseler Nordwesten steht dem Rest der Stadt architektonisch in nichts nach. Das malerische, ländliche Flair der Vergangenheit von Jette ist im Norden mit seinen Grünflächen und den verbliebenen Sümpfen bis heute spürbar. Der Süden bringt eine schöne Stilvielfalt mit sich. Die Nachbargemeinde Ganshoren hat sich erst in den 1930er-Jahren städtebaulich entwickelt und einige schöne Zeugnisse modernistischer Architektur hinterlassen. Die kleine Gemeinde Koekelberg lebt im Schatten ihrer prächtigen Basilika, die Sie auf jeden Fall besichtigen sollten! Auf geht's zu einem Spaziergang durch diese drei Gemeinden im Großraum Brüssel!

Vue générale place Cardinal Mercier de Jette

Das Hôpital Brugmann, das zwischen 1911 und 1921 erbaut wurde, weist eine für eine Pflegeeinrichtung ungewöhnliche Architektur auf. Der Bau des Krankenhauskomplexes wurde Victor Horta anvertraut, der sich am eklektischen Stil orientierte und ihn mit Jugendstilelementen vermischte. Der berühmte Architekt entschied sich für ein Krankenhaus in grüner Umgebung, die – wie man vermutete – den Kranken sowohl körperlich als auch seelisch guttäte.

Wenn Sie das Krankenhausgelände verlassen, stoßen Sie bald auf eine Reihe von Gebäuden, von denen insbesondere eines ins Auge sticht: Es handelt sich um das ehemalige Château Bonaventure, ganz in Weiß und in einem erkennbaren neoklassizistischen Stil. Das Anwesen beherbergt heute eine Schule: das Centre Scolaire du Sacré-Cœur de Jette (Avenue du Sacré-Cœur, 6).

Die nächste Station ist der kleine Bahnhof von Jette Place Cardinal Mercier mit seinem flämischen Neorenaissance-Stil. Das Bahnhofsgebäude wurde 1892 eingeweiht und stammt aus der Feder des in der Branche bekannten Franz Seulen, der auch den Bahnhof von Schaerbeek entworfen hat. Im gleichen flämischen Neorenaissance-Stil können Sie gegenüber dem Bahnhof die Backsteine des ehemaligen Rathauses von Jette bewundern, das zwischen 1891 und 1901 von Jules Jacques van Ysendyck erbaut wurde. Die Kirche Saint-Pierre vervollständigt die Trilogie der flämischen Neorenaissance. Die Wahl des Stils ist leicht zu erklären: Er orientiert sich an der Architektur des Goldenen Zeitalters der Regionen, der Zeit des kommunalen Wohlstands. (Place Cardinal Mercier)

Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug in die Welt der Modernisten? Es handelt sich hierbei um ein 1933 errichtetes Wohnhaus im Bel-Etage-Stil und ein 1927 im hinteren Teil des Grundstücks errichtetes Künstleratelier – das heute als Wohnhaus dient. Der Komplex gehörte dem Glasermeister Crickx, der 40 Jahre lang für eine der größten Werkstätten dieser Art verantwortlich war, bis zu 50 Personen beschäftigte und Glasfenster für die größten belgischen und Brüsseler Kirchen – insbesondere die Basilika von Koekelberg – anfertigte. Werfen Sie einen Blick auf das Erkerfenster und die Fenster, die wie eine Kostprobe der Arbeit des Künstlers anmuten...

Der weitere Verlauf des Spaziergangs entführt Sie gewissermaßen in die französischen Pyrenäen. Die erste Station dieses Exkurses ist die Kirche Notre-Dame de Lourdes, die 1949 für den Gottesdienst geöffnet wurde und im neoromanischen Stil gehalten ist. Sie wurde aus Ziegelsteinen und Beton erbaut und verfügt über einen imposanten quadratischen Glockenturm. (Avenue Notre-Dame de Lourdes, 6)

Das unmittelbare Nachbargebäude der Kirche vermittelt ein fast maritimes Flair: Es handelt sich um ein schönes Beispiel der Stromlinien-Moderne, die irgendwo zwischen Modernismus und Art déco angesiedelt ist. Das aus gelben Ziegeln errichtete Wohngebäude verfügt über zahlreiche Balkone, wie Schiffsmasten wirkende Pilaster und Dachterrassen. (Avenue Notre-Dame de Lourdes, 8)



Ganz in der Nähe befindet sich die zweite „Pyrenäen-Etappe“ mit der erstaunlichen Grotte Notre-Dame de Lourdes, die der gleichnamigen Kirche vorausging: Ihr Bau wurde 1915 abgeschlossen. So wollte man auf den Zustrom von Pilgern zu reagieren, die in Scharen in die kleine Kirche strömten, um Notre-Dame de Lourdes um Schutz für die Soldaten des Ersten Weltkriegs zu bitten. (Rue Léopold I)

Das Withuis war einst das Wohnhaus des Dichters Jef Mennekens. Der Architekt Joseph Diongre, aus dessen Feder auch das ehemalige Rundfunkgebäude am Place Flagey in Ixelles stammt, entwarf 1927 dieses Art-déco-Gebäude mit seinen kunstvollen Formen. Besonders auffällig ist die stark reliefierte und zerklüftete Hauptfassade. Aber auch modernistische Elemente sind hier zu erkennen, wie z. B. die Dachterrasse und die Fensterbänder. (Avenue Charles Woeste, 183)

Diongre verantwortet einen weiteren Blickfang in der Straße: Das Gebäude überrascht mit der runden Form seiner Erkerfenster und Balkone, aber auch mit den roten und grünen Backsteinbändern. Die Fassade gibt Ihnen Auskunft über das Baujahr (1927) und auch über den Namen des Architekten – beachten Sie die Inschrift, die in den Blaustein des Sockels links neben dem Garagentor eingemeißelt wurde. (Avenue Firmin Lecharlier, 175)

Abstecher: 

Kleine Verschnaufpause? Machen Sie eine Pause im Wald von Laerbeek, wo Sie das normannische Chalet vorfinden, ein Bauwerk aus dem Jahr 1907, das ursprünglich Teil eines neuen Villenviertels in dieser seinerzeit noch sehr ländlichen Gegend sein sollte. Das Viertel nahm jedoch niemals Form an! Das Chalet ist von der traditionellen normannischen Architektur inspiriert, mit ihren mehrfach geneigten Dächern und den Fachwerkfassaden. Der Ort, der heute oft als Chalet du Laerbeek bezeichnet wird, verfügt über ein Restaurant. (Avenue du Laerbeek, 145)

Ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit der Gemeinde erwartet Sie vor der ehemaligen Prälatur der Abtei von Dieleghem. Dieses neoklassizistische Gebäude, das 1775 vom Architekten Dewez entworfen wurde, ist alles, was von dem Komplex, der die Abtei bildete, übriggeblieben ist. Das Gebäude ist sehr schlicht gehalten und beeindruckt dennoch durch sein Volumen. Das Gebäude bietet heute einem Gemeindemuseum Platz. (Rue Jean Tiebackx, 14)