Architektur in Uccle

Zwischen Grünflächen und architektonischen Schmuckstücken

Die Gemeinde Uccle hat im Vergleich zu den meisten anderen Brüsseler Gemeinden ein ausgeprägt ländliches Flair und liegt am und sogar direkt im Wald! Der Stadtwald Bois de la Cambre und das große Waldgebiet Forêt de Soignes nehmen in der Tat einen nicht unerheblichen Teil des Gemeindegebiets von Uccle ein. Die Gemeinde ist im Vergleich weniger dicht besiedelt, was die Entwicklung einer Infrastruktur mit einer gewissen architektonischen Bedeutung sicherlich begünstigt hat. Uccle verfügt sowohl über einen historischen Kern, dessen Mittelpunkt die Kirche Saint-Pierre bildet, als auch über modernere Viertel. Und so finden Sie in Uccle sowohl spannende architektonische Entdeckungen als auch gemächliche Spaziergänge im Grünen. 

Vue sur un des bâtiments de l'hippodrome de Boitsfort

Wir beginnen den Parcours im Teil zwischen Square Coghen und Rue du Doyenné, mit einem Abstecher in das Viertel „Ensemble Philippe Dotremont“. Der Architekt De Koninck errichtete dort in der Zeit zwischen 1934 und 1935 ein Wohnhaus mit mehreren Wohnungen und einer Gewerbefläche im Erdgeschoss sowie drei Blöcke mit je zwei Doppelhäusern. Hier haben wir es ganz klar mit dem Stil des Modernismus zu tun: Verwendung von Beton, strenge Fassaden, Flachdächer usw. (Square Coghen 75–87 und Rue du Doyenné 48-54)

Nun geht es weiter in das historische Zentrum der Gemeinde, um einen Augenblick lang vor der Kirche Saint-Pierre zu verweilen. Auch wenn das heutige Gebäude nichts mit den Vorgängerkirchen zu tun hat, scheint der Standort seit dem 12. Jahrhundert unverändert. Das Gebäude, das Sie vor sich sehen, stammt aus den Jahren 1778 bis 1782 und ist im neoklassizistischen Stil gehalten. Die Hauptfassade zeigt sich in einer eleganten Mischung aus Backstein, weißem und Blaustein. 

Der Modernismus hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen: Das Mehrfamilienhaus Claire Maison ist ein Schmuckstück an der Avenue Brugmann. Sein Name (dt. helles Haus) ist wahrscheinlich nicht zuletzt auf die großen Fassadenfenster zurückzuführen. Maurice Houyoux war der Architekt dieses modernistischen Bauwerks aus dem Jahr 1935. Die Form des Gebäudes, das an einen großen Ozeandampfer erinnert, passt sich perfekt an die Straßenecke an. (Avenue Brugmann 421) 

Ebenfalls an der Avenue Brugmann können Sie das Hôtel Haerens bewundern – ein Art-déco-Stadthaus, das 1928 nach den Plänen des Architekten Antoine Courtens errichtet wurde, der bei Victor Horta in Lehre war. Eigentlich umfasste dieses Gebäude von Anfang an zwei Wohnungen: eine luxuriöse Wohnung im ersten Stock und eine zweite, weniger prunkvolle Wohnung im Erdgeschoss, die zur Vermietung bestimmt war. (Avenue Brugmann 384) 

Wenn Sie die Avenue de l'Echevinage entlanggehen, stoßen Sie auf der rechten Seite schon bald auf das Haus von Philippe Dotremont, einem Industriellen und Kunstsammler, der den Architekten De Koninck mit dem Bau beauftragte. Das modernistische Gebäude hob sich stilistisch deutlich von den Nachbarhäusern ab, so dass es 1931/32 nicht einfach war, eine Baugenehmigung zu erhalten. Der belgische Architekt ließ sich von Le Corbusier inspirieren. Besonders auffällig sind die große Schlichtheit und die Dachterrasse. (Avenue de l'Echevinage 3)

Wenige Schritte weiter befindet sich das Maison des Terrasses, ein weiteres modernistisches Bauwerk. Das 1936 von Raphaël Delville errichtete Gebäude zeichnet sich durch seine drei Terrassen aus: eine Terrasse im ersten und zweiten Stock sowie ein Sonnendach im dritten Stock. (Avenue de l'Echevinage 16)

Als Nächstes gelangen wir zu einem spannenden Architektenhaus. Die Privatwohnung und das Büro von Léon Sneyers befinden sich ebenfalls in der Avenue de l'Echevinage. Dieser massive Art-déco-Bau wurde zwischen 1925 und 1927 errichtet. Sneyers leistete einen wichtigen Beitrag zum Übergang vom geometrischen Jugendstil zum Art déco. (Avenue de l'Echevinage 21)

In diesem Teil von Uccle ist auch die russisch-orthodoxe Kirche zu erwähnen, die einst auf Betreiben russischer Emigranten auf der Flucht vor der Oktoberrevolution 1917 zum Gedenken an den letzten russischen Zaren Nikolaus II errichtet wurde. Die Kirche wurde 1935 entworfen, aber erst 1950 eingeweiht. Die überaus eleganten Formen sind von der mittelalterlichen russischen Architektur inspiriert. (Avenue du Manoir 8) 

Bei einem Abstecher in den schönen Parc de Wolvendael können Sie sich nicht nur im Grünen entspannen, sondern auch das architektonische Erbe bewundern. Das Château du Parc wurde 1763 im klassischen Stil erbaut. Das elegante Gebäude beherbergt heute die Kunstschule der Gemeinde Uccle. Einen Abstecher wert ist auch der Pavillon im Louis XV-Stil. Seine Besonderheit: Er wurde 1909 in Amsterdam gekauft, zerlegt und dann Stein für Stein am Rande des Parks wieder aufgebaut.  (Parkeingang: über die Avenue de Fré)

Verlassen Sie den Park und flanieren Sie weiter in Richtung Westen der Gemeinde bis zur nächsten Station: der Villa Bloemenwerf, die 1895 von Henry Van de Velde entworfen wurde. Es handelt sich um Van de Veldes erstes architektonisches Werk. Seine Inspiration schöpfte er aus verschiedenen Stilrichtungen, wobei er den englischen Landhausstil auf seine Weise neuinterpretierte. Auch er selbst bewohnte die Villa für eine kurze Zeit.  (Avenue Vanderaey, 102)

Weiter geht es in Richtung Osten, vorbei am Dieweg, dem alten Gemeindefriedhof, der 1867 eröffnet wurde. Heute ist er stillgelegt. Die Vegetation kann sich ungestört ausbreiten und bietet ein prächtiges Schauspiel für Liebhaber ungezähmter Natur. Viele berühmte Persönlichkeiten wurden hier bestattet, darunter Hergé, der berühmte Comic-Autor und Urvater von Tim und Struppi. (Dieweg, 95)

Auf unserem Weg liegt ein weiteres Haus, das von Henry Van de Velde entworfen wurde: das Maison Grégoire-Lagasse. Es stammt aus dem Jahr 1933 und fügt sich perfekt in die modernistische Stilrichtung ein: schlichte Linien, klare Formen und ein Flachdach, das als Terrasse dient. (Dieweg 292) 

Nehmen wir nun Kurs auf das gleich gegenüber gelegene Gelände des Observatoriums, das wir von links umrunden. Die berühmte und treffend benannte Avenue Circulaire führt Sie zur Villa Norine, einem großen Gebäude im Art-déco-Stil, das 1925 von dem Architekten Victor Dirickx erbaut wurde. Neben der überaus luxuriösen Inneneinrichtung mit Gold und Mosaiken lohnt auch ein Blick auf die Details der Außenverzierung, wie z. B. die kunstvolle Arbeit am Eingangstor oder die bemerkenswerte Schreibweise der Hausnummer. (Avenue Circulaire, 146)

Ein Stück weiter gelangen Sie zum Eingang der Königlichen Sternwarte von Belgien, die ab 1880 auf einem weitläufigen, 12 ha großen, kreisförmigen Gelände von Octave van Rysselberghe erbaut wurde. Die zahlreichen Gebäude reichen architektonisch vom eklektischen bis zum neoklassischen Stil. Hier befinden sich mehrere Abteilungen: Astronomie, Meteorologie und Weltraum-Aeronomie. (Avenue Circulaire, 3)

Der nächste architektonische Halt befindet sich ganz in der Nähe: die Villa Vandevelde, bei der kein Bezug zu dem berühmten Architekten besteht, sondern zum Besitzer Maurice Vandevelde. Das 1936 von Adrien Blomme und Sohn entworfene Gebäude ist bis auf die Fenster- und Dachränder sowie die Sockel ganz in Weiß gehalten und sowohl vom Art-déco-Stil als auch vom Modernismus inspiriert. (Avenue Houzeau 99) 

Wenn Sie das Gelände der Sternwarte umrunden, gelangen Sie zu einem weiteren Beispiel des Modernismus. Es geht um die beiden Doppelhäuser Baujahr 1939 im reinsten modernistischen Stil. Der Architekt war Georges Ricquier (Avenue Circulaire 118-120).

Nur wenige Schritte weiter befindet sich das ehemalige RTT-Gebäude, das mit seinen großen Fensterfronten, runden Formen und der Verwendung von Glassteinen der Nachkriegsmoderne nachempfunden ist. Es wurde 1950 errichtet und stammt aus der Feder von Gaston Brunfaut. (Rue de l'Equateur 45) 

Abstecher: 

Eine architektonische und städtebauliche Kuriosität: Kennen Sie die Carrés, Gruppen von kleinen Arbeiterwohnungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden und nur über eine schmale Gasse zugänglich sind? Dieses Konzept ist in Uccle besonders gut erhalten geblieben, vor allem im Nordwesten der Gemeinde, in diesem als „Quartier du Chat“ (dt. „Katzenviertel“) bezeichneten Gebiet. 

Die Domaine du Neckersgat versetzt Sie in die Zeit zurück, als Uccle das Dorf der Mühlen und Papierfabriken war. Die Gebäude sind typisch für die Brabanter Architektur des 17. Jahrhunderts, mit einem zentralen Hof, um den herum das ehemalige Müllerhaus und die Nebengebäude angeordnet sind. Die Gebäude, in denen die Maschinerie untergebracht war, wurden abgerissen. Die Rue Keyenbempt ist besonders malerisch... (Rue Keyenbempt 66–70) 

Gartenstädte gibt es in vielen Brüsseler Gemeinden – und Uccle bildet da keine Ausnahme: Die Gartenstadt Homborch wurde von dem Architekten Fernand Bodson entworfen, der in der Zeit zwischen 1928 und 1930 insgesamt 120 Häuser erbauen ließ. Es heißt, dass das Ende der Bauarbeiten recht beschwerlich war und der Architekt sich regelmäßig selbst zum Bahnhof aufmachen musste, um neue Arbeiter für die Baustelle anzuwerben!

Last but not least: das Gelände der Pferderennbahn von Boitsfort , die in Wirklichkeit auf dem Gebiet der Gemeinde Uccle angesiedelt ist! 32,5 ha, auf denen früher Pferderennen stattfanden. Davon zeugen noch einige sehr schöne und sorgfältig restaurierte architektonische Überreste, darunter die große Tribüne im flämischen Neo-Renaissance-Stil (1875), die kleine Tribüne im eklektischen Stil (1878) und das Wiegegebäude (1900). (Chaussée de la Hulpe, 51-61)