Architektur in Woluwe-Saint-Lambert: zwischen Bauernhöfen, Mühlen und Schlössern

Woluwe-Saint-Lambert, vom ländlichen Ambiente der Vergangenheit zur fortschrittlichen Gemeinde der Gegenwart

Die Gemeinde im Brüsseler Osten verdankt ihren Namen dem Wasserlauf  Woluwe, der ihr Gebiet und ihr Stadtbild nachhaltig geprägt hat. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Gemeinde ländlich geprägt, doch dann setzte sie städtebaulich Akzente und griff dabei auf sämtliche Architekturstile des vergangenen Jahrhunderts zurück. Ursprünglich entwickelte sich der historische Kern der Gemeinde rund um die Sankt-Lambertus-Kirche und den Weiler Roodebeek, der aus einigen Bauernhöfen und Landgütern bestand, von denen heute noch einige Überreste zu sehen sind. Im 20. Jahrhundert wurden eine Reihe von Wohngebieten, aber auch Geschäftsgebäude und Firmensitze errichtet, die im Kontrast zu den vielen Grünflächen und Wasserstellen stehen, die die Landschaft dieser eher vornehmen Gemeinde prägen. 

 

Vue générale sur la place du Sacré Coeur et quelques-uns de ses bâtiments

Beginnen wir mit einer Hommage an die landwirtschaftlich geprägte Gemeinde, die Woluwe-Saint-Lambert einst war. Der Hof ten  Berg (1750) zeugt bis heute von dieser Vergangenheit. Es handelt sich um einen alten Bauernhof, der einst in einen riesigen Komplex von über 100 ha integriert war. Von den alten Gebäuden sind heute nur noch der Wohnbereich und die Stallungen erhalten, die zu kleinen Arbeiterhäusern umgebaut wurden. Diese Gebäude heben sich sehr deutlich von den umliegenden Gebäuden ab. (Hof ten Berg, 10, 20, 22)

Weiteres Beispiel der ländlichen Vergangenheit von Woluwe-Saint-Lambert ist der Hof ter Musschen. Einige Teile dieses ehemaligen Bauernhofs stammen aus dem 15. Jahrhundert, wobei der heutige quadratische Hof hauptsächlich auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgeht. Die landwirtschaftlichen Aktivitäten blieben dort bis Ende der 1970er-Jahre erhalten. Anschließend wurde der Bauernhof renoviert, um Seminaren und anderen Veranstaltungen Platz zu bieten. Auf dem Gelände befinden sich noch schöne Zeugnisse aus früheren Zeiten, darunter ein Brotofen und ein Obstgarten. Nicht zu vergessen ist der Durchlauf der Woluwe durch das Anwesen, zu dem auch eine Mühle gehört, die sich erst seit 1960 dort befindet – auch wenn ihre Ursprünge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen (Avenue E. Mounier, 2).

Der Weg ist gesäumt von der hübschen, kleinen Kapelle Marie la Misérable im gotischen Stil. Sie stammt zwar aus dem 14. Jahrhundert, wurde seitdem allerdings mehrmals umgebaut. Sie erinnert an das Missgeschick eines kleinen Bauernmädchens, das Opfer der Machenschaften einer mächtigen Persönlichkeit wurde. Das Thema wurde von dem Dramatiker Michel de Ghelderode in seinem Theaterstück „Marie la Misérable" (1952) aufgegriffen. (Avenue de la Chapelle, 37) 

Wir bleiben noch ein wenig in der Epoche des Ancien Régime... und halten kurz vor einem ehemaligen Herrschaftssitz, der auf Niederländisch „Het Slot“ oder Schloss mit Wassergraben genannt wird. Dieses bedeutende Gebäude stammt aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert. Der idyllische Ort beherbergt heute ein Café und einen Markt und verschiedene andere Aktivitäten. (Boulevard de la Woluwe, 71) 

Die Mühle Moulin de Lindekemale versetzt uns erneut ins Mittelalter zurück, ihre Ursprünge reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Das ursprünglich aus Stein erbaute Gebäude liegt am Zusammenfluss von Woluwe und Struybeek. Das Stockwerk aus Backstein wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt. Jahrhundertelang wurde in dieser Mühle Mehl gemahlen, erst Anfang des 20. Jahrhunderts stellte sie sich auf die Herstellung von Zichorie und Tabak um. (Avenue Debecker, 6)

Die nächste Etappe führt Sie in den Parc Malou. Am seinem Rand wurde 1906 die Villa Rucquoy erbaut, die aus der Feder des Architekten Fernand Symons stammt. Aufgrund ihres speziellen Stils fühlt man sich fast in die Alpen versetzt! Bemerkenswert sind vor allem ihr schräger Sockel aus Bruchstein, die aufwändig verzierten Fenster- und Türrahmen sowie die dichte Vegetation… (Avenue Debecker, 38-40)

Auf der anderen Seite des Parc Malou erhebt sich seit 1776 das Château Malou in den Brüsseler Himmel. Der Architekt dieses neoklassizistischen Schlosses ist unbekannt. Das Gebäude ist sehr schlicht gehalten und verzichtet auf unnötige Dekorationen oder Schnörkel. Das Anwesen wurde zwar von einem reichen Kaufmann erbaut, seinen Namen erhielt es jedoch von Jules Malou, einer Persönlichkeit aus Politik und Finanzwelt, der von 1853 bis 1886 hier lebte. Seit einigen Jahrzehnten finden hier Hochzeitsfeiern und kulturelle Aktivitäten statt. 

Wenn Sie den Park verlassen, überqueren Sie den Boulevard de la Woluwe und gelangen ins historische Zentrum der Gemeinde. Die Villa des Tilleuls ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele für einen Zweitwohnsitz, der inmitten eines Parks mit bemerkenswerten Bäumen liegt. Die Landvilla, die 1837 auf Wunsch eines reichen Rentiers erbaut wurde, ist genau wie das Château Malou im neoklassizistischen Stil gehalten. (Rue Voot, 37)

Die dem Heiligen Lambertus geweihte Kirche behauptet sich seit dem 12. Jahrhundert auf diesem Platz. Wie die meisten Refugien hat sie zahlreiche Umbauten und Erweiterungen erfahren, behält aber dennoch ihren romanischen Stil bei, der insbesondere in Form des massiven Turms ins Auge sticht. Die Mauern, die das Kirchengelände umgeben, begrenzen den alten Friedhof. 

Gegenüber der Kirche können Sie ein weiteres altes Bauerngut bewundern, den 'T Hof van Brussel, der aus dem 15. Jahrhundert stammt. Der um einen zentralen Innenhof angeordnete Bauernhof, der vollständig von einer Mauer geschützt wird, hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. So sind die Stufen an den Giebeln ebenso wie die zwei Türmchen und der achteckige Turm Ergänzungen aus dem 19. Jahrhundert. Nichtsdestotrotz werden Sie erneut in die ferne Vergangenheit von Woluwe katapultiert! (Place du Sacré-Cœur, 10)

Das Rathaus von Woluwe-Saint-Lambert ist ein monumentales und zugleich schlichtes Gebäude aus gelbem Backstein. Es wurde 1938 von dem bekannten Architekten Joseph Diongre erbaut, der unter anderem auch das Gebäude des Institut National de Radiodiffusion am Place Flagey entworfen hat. Es ist an seinem Belfried zu erkennen und bewegt sich in Richtung des modernistischen Stils. Auf dem Rückweg können Sie eine schöne Kuppel aus Glasfliesen bewundern, die den Schalterraum überragt und beleuchtet. (Avenue Paul Hymans, 2)