28 April 2022
Die Zeit der Herrschaft Karls V. – grob gesagt die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts – war zweifellos eine der glorreichsten Epochen der Region Brüssel. Brüssel galt in jener Zeit als bedeutendes europäisches Machtzentrum. Karl V. war nicht nur Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sondern auch Träger einer Reihe von Titeln mit Gebieten in Europa und anderen Territorien, unter anderem in Amerika. Aufgrund seiner zahlreichen Ämter und Ländereien war er häufig auf Reisen. Dennoch wählte er Brüssel als Hauptwohnsitz. Diese Umstände begünstigten die Entwicklung Brüssels, die bis heute zahlreiche Spuren in der Stadt hinterlassen hat.
Wenn es einen Ort gibt, der die Persönlichkeit Karls V. widerspiegelt, dann den ehemaligen Coudenberg-Palast, der auf einer Anhöhe der Stadt erbaut wurde. Bereits seit dem 11. Jahrhundert thronte an dieser Stelle eine fürstliche Residenz, die im Zuge der Entwicklung Brüssels an Bedeutung gewann. In der Zeit der Herzöge von Burgund wurde er zu einem echten Palast umgebaut, bevor er von Kaiser Karl V., der dort die angrenzende Kapelle errichten ließ, noch prunkvoller ausgeschmückt wurde. Im Prunksaal, der Aula Magna des Palasts, trat Karl V. 1515 sein Amt und dankte dort 1555 auch wieder ab. Heute können die unterirdischen Überreste des riesigen Palasts , die durch archäologische Forschungsarbeiten freigelegt wurde, besichtigt werden. Zu sehen sind die Fundamente der ehemaligen Palastkapelle und die Überreste der Aula Magna.
Ein faszinierender Einblick in die kaiserliche Pracht Brüssels im 16. Jahrhundert.
Das Sablon-Viertel ist heute ein elegantes Stadtviertel, das mit Traditionsgeschäften, Gastronomieadressen und seinem samstags und sonntags stattfindenden Antiquitätenmarkt lockt. Der Bau der Kirche Notre-Dame du Sablon ab dem frühen 15. Jahrhundert war seinerzeit ein wichtiger Impuls für die Entwicklung des Viertels.
Auch Karl V. hat seine Spuren im Viertel hinterlassen, insbesondere in Form der bis heute zelebrierten Ommegang-Prozession, die jedes Jahr im Juni oder Juli stattfindet. Dabei handelt es sich um die Nachstellung eines historischen Ereignisses aus dem Jahr 1549, als Karl V. die Ommegang-Prozession – ursprünglich eine religiöse Prozession, die sich im Laufe der Jahre zunehmend zu einer volkstümlichen Parade entwickelte – zum Anlass nahm, um seinen Sohn und Thronfolger Philipp dem Volk vorzustellen. Der Ommegang war 1549 prächtiger denn je! Karl V. zeigte sich gemeinsam mit seinem Sohn Philipp und seinen beiden Schwestern auf dem Grand Place in einem Raum mit Blick auf das Eingangsportal des Rathauses.
Der Grand-Place zählt zu den symbolträchtigsten Orten Brüssels und gilt seit dem Mittelalter als pulsierendes Herzstück der Stadt. Das hier aufragende prächtige Rathaus, das im 15. Jahrhundert in mehreren Bauphasen errichtet wurde, spiegelt deutlich die Macht der lokalen Obrigkeit gegenüber der übergeordneten Macht des Herzogs wider, der auf dem Coudenberg residierte.
Als Herrscher der Niederlande war Karl V. der Vertreter der höchsten Autorität der hiesigen Regionen. In dieser Eigenschaft zeigte er sich häufig auf dem Grand-Place, so auch anlässlich der erwähnten Ommegang-Prozession im Jahr 1549.
Als das Rathausgebäude im 19. Jahrhundert mit Skulpturen geschmückt werden sollte, beschloss man, die Fassade mit Blick auf den Grand-Place den Herrschern zu widmen, die in Brüssel regiert hatten – unter ihnen auch Karl V.
Auch an der Fassade des „Maison des Ducs de Brabant“ am oberen Abschnitt des Platzes prangt eine Büste Karls V., erkennbar an der Inschrift "Carolus V, empereur d’Autriche" (dt. Carolus V., Kaiser von Österreich).
Und auch das Maison du Roi (dt. Haus des Königs) gegenüber dem Rathaus wurde nach dem Kaiser benannt. Der niederländische Name Broodhuis (Brothaus) erinnert bis heute an die frühere Funktion des Ortes, während der französische Name Maison du Roi der Tatsache Rechnung trägt, dass der zum König von Spanien gekrönte Karl V. die Halle als Herzog von Brabant nutzte ...! Seine Statue kann im zentralen Torbogen im Erdgeschoss bewundert werden.
Die Kathedrale ist das bedeutendste Sakralbauwerk Brüssels. 1962 wurde sie mit der St.-Rombouts-Kathedrale in Mechelen zusammengelegt. Seitdem ist sie Sitz der Erzdiözese Brüssel-Mechelen und damit der höchsten Instanz der kirchlichen Hierarchie Belgiens.
Die Kathedrale ist eines der Gebäude in Belgien, das bis heute die größte Zahl historischer Buntglasfenster aufweist. Die erhaltenen Fenster zeugen vom Einfluss ihrer Stifter, während die von weniger bedeutenden Persönlichkeiten gestifteten Fenster im Laufe der Jahrhunderte verschwunden sind. Die prächtigen Glasfenster der Apsis und des Querschiffs stammen größtenteils aus dem 16. Jahrhundert. Auch Karl V. ist hier zweimal abgebildet. Sie werden feststellen, dass die Stifter der Werke doppelt so groß dargestellt sind wie die anderen Figuren – einschließlich Gott selbst!
Andreas Vesalius war der Leibarzt Karls V., den er wegen seiner Gicht behandelte. Als Spezialist für Anatomie entwickelte er eine rationale und unabhängige Methode, was ihn zu einem Archetypen der Renaissance, einem Mann seiner Zeit, kurz gesagt zu einem Humanisten machte! Es heißt, er habe die Leichen vom "Mont des Potences“ – dem Standort des heutigen Gerichtsgebäudes – gesammelt, um sie zu sezieren.
Gemeinhin wird angenommen, dass Vesalius in einem Haus in der Rue des Minimes lebte, direkt neben der gleichnamigen Kirche. An der Fassade der städtischen Schule Athénée Robert Catteau rechts neben der Kirche finden Sie eine Gedenktafel. Eine Statue zu Ehren des Anatomen wurde in der Mitte der Place des Barricades errichtet.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts unterstellte der Vater Karls V., der damalige Herrscher Philipp der Schöne, das Postwesen der Familie de Tassis. Diese aus Italien stammende, aber über ganz Europa verstreut lebende Familie sah darin die Gelegenheit, ein weitreichendes Postnetz aufzubauen. Sie ließ direkt neben der Kirche Notre-Dame du Sablon in der heutigen Rue de la Régence ein inzwischen verschwundenes aristokratisches Herrenhaus errichten. Im Inneren der Kirche können Sie jedoch bis heute die im Barockstil gehaltene Familiengrabkapelle aus dem 17. Jahrhundert besichtigen.
An dieser Stelle sei auch der architektonisch vom Jugendstil inspirierte Veranstaltungstempel Tour & Taxis am Brüsseler Kanalufer zu erwähnen. Er wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Grundstücken der Familie Tour und Taxis errichtet. Fast ein Jahrhundert lang fungierte der Standort als zentraler Knotenpunkt des Güterverkehrs vor den Toren der belgischen Hauptstadt. Seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2003 nimmt der Ort als Schauplatz von Konzerten, Ausstellungen, Messen und Ausstellungen etc. einen wichtigen Platz in der Brüsseler Stadtlandschaft ein.
Das Waldgebiet Forêt de Soignes im Brüsseler Süden ist die grüne Lunge Stadt. Früher war der Wald um einiges größer – im 18. Jahrhundert erstreckte er sich über mehr als 10.000 Hektar, im Vergleich zu seinen heutigen 4.400 Hektar – und hatte einen sehr viel größeren Einfluss auf das Stadtgebiet.
Die ausgedehnten Waldgebiete dienten den Fürsten als Jagdgebiete, auch Karl V. bildete hier keine Ausnahme. Im 16. Jahrhundert wurden im Forêt de Soignes vor allem Falken, Hirsche und Wildschweine gejagt.
Die Jagdaktivitäten Karls V. sind dank eines außergewöhnlichen Kunstwerks, der Wandtapisserien „Les Chasses de Maximilien“ (Die Jagden Maximilians), recht gut bekannt – eine irreführende Bezeichnung, da sie in Wirklichkeit aus der Zeit Karls V. stammt. Die Kunst der Wandtapisserien ist eine Brüsseler Spezialität. Es handelt sich um eine Serie von 12 Tapisserien mit Jagdszenen aus Wolle, Seide, Gold- und Silberfäden. Das Werk kann im Pariser Louvre besichtigt werden.