Auf dem Brüsseler Rathaus (Rue de la Tête d'Or, 2. Stock, rechts neben dem mittleren Fenster) prangt eine Statue mit dem Bildnis der "Bloemardine" – und sie hat eine faszinierende Frauengeschichte zu erzählen.
Gehen wir ein paar Jahrhunderte zurück, um uns ein wenig mit der Persönlichkeit von Heilwige Bloemard – besser bekannt als „(la) Bloemardin(n)e“ – zu befassen.
Diese große Dame, die Ende des 13. Jahrhunderts in Brüssel geboren wurde, war Anhängerin einer Denkbewegung, die als „Libre-Esprit“, d. h. freier Geist, bezeichnet wurde und die den Menschen (ähnlich wie bei den Beginen) von jeglichen Gehorsamkeiten befreit und ihm die freie Verwirklichung seiner Wünsche ermöglicht. Dieses Prinzip war nicht unbedingt nach dem Geschmack der kirchlichen Autoritäten des Mittelalters, die schon bald Ketzerei witterten.
Heilwig war höchstwahrscheinlich mit überdurchschnittlicher Intelligenz und einer bemerkenswerten Eloquenz gesegnet: Sie verfasste einige Texte, in denen sie eine Art sinnliche Frömmigkeit beschrieb... Obwohl ihr Gedankengut eine gewisse Verbreitung fand, weil sie einer Brüsseler Adelsfamilie angehörte, fand es bei weitem nicht überall Anklang! Die mittelalterliche Gesellschaft vertrug sich nur schlecht mit der Unabhängigkeit und der Macht einer weiblichen Gruppierung oder Denkweise; und so dichtet man ihnen den Ruf an, eine verdorbene Sexualmoral zu vertreten!
1975 feierten Brüsseler Feministinnen der Bewegung der "Porte ouverte" (dt. Offene Tür) den 640. Todestag der Bloemardin(n)e: Sie legten am Fuße der Mauer des Rathauses Blumen nieder und brachten ein Schild zu ihren Ehren an, auf dem sie zur „ersten Brüsseler Feministin“ erklärt wurde.