Ihrer Zeit voraus

1. La Bloemardin(n)e

Auf dem Brüsseler Rathaus (Rue de la Tête d'Or, 2. Stock, rechts neben dem mittleren Fenster) prangt eine Statue mit dem Bildnis der "Bloemardine" – und sie hat eine faszinierende Frauengeschichte zu erzählen.

Gehen wir ein paar Jahrhunderte zurück, um uns ein wenig mit der Persönlichkeit von Heilwige Bloemard – besser bekannt als „(la) Bloemardin(n)e“ – zu befassen.

Diese große Dame, die Ende des 13. Jahrhunderts in Brüssel geboren wurde, war Anhängerin einer Denkbewegung, die als „Libre-Esprit“, d. h. freier Geist, bezeichnet wurde und die den Menschen (ähnlich wie bei den Beginen) von jeglichen Gehorsamkeiten befreit und ihm die freie Verwirklichung seiner Wünsche ermöglicht. Dieses Prinzip war nicht unbedingt nach dem Geschmack der kirchlichen Autoritäten des Mittelalters, die schon bald Ketzerei witterten.

Heilwig war höchstwahrscheinlich mit überdurchschnittlicher Intelligenz und einer bemerkenswerten Eloquenz gesegnet: Sie verfasste einige Texte, in denen sie eine Art sinnliche Frömmigkeit beschrieb... Obwohl ihr Gedankengut eine gewisse Verbreitung fand, weil sie einer Brüsseler Adelsfamilie angehörte, fand es bei weitem nicht überall Anklang! Die mittelalterliche Gesellschaft vertrug sich nur schlecht mit der Unabhängigkeit und der Macht einer weiblichen Gruppierung oder Denkweise; und so dichtet man ihnen den Ruf an, eine verdorbene Sexualmoral zu vertreten!

1975 feierten Brüsseler Feministinnen der Bewegung der "Porte ouverte" (dt. Offene Tür) den 640. Todestag der Bloemardin(n)e: Sie legten am Fuße der Mauer des Rathauses Blumen nieder und brachten ein Schild zu ihren Ehren an, auf dem sie zur „ersten Brüsseler Feministin“ erklärt wurde.

2. Suzan Daniel

Suzan Daniel gilt als Initiatorin der LGBT-Bewegung in Belgien. Die 1918 in Brüssel geborene lesbische Aktivistin mit bürgerlichem Namen Suzan De Pues kam bereits in den 1930er-Jahren mit der Brüsseler Homosexuellenszene in Berührung.

Sie war die erste Filmkritikerin Belgiens – ihr selbstgewählter Name „Daniel“ geht auf die französische Schauspielerin Danielle Darieux zurück – und gründete 1953 die erste belgische Vereinigung von Lesben und Schwulen, das Centre Culturel de Belgique (CCB). Eine sehr implizite Bezeichnung, mit der eine gewisse und notwendige Diskretion gewahrt wurde. Schon bald übernahmen jedoch Männer die Kontrolle über das CCB, die Suzan Daniel aus dem CCB verdrängten.

Suzan Daniel zieht sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens etwas aus dem Rampenlicht zurück... 1996 wird der Fonds Suzan Daniel gegründet, das erste belgische LGBT-Archiv und -Dokumentationszentrum.

Sie wurde mehr als einmal als zu energisch, zu modern und zu progressiv kritisiert, bezeichnete sich aber selbst als „französisch im Geiste, flämisch im Herzen, aber vor allem zinneke bruxelloise“. Sie verstarb 2007 in Laeken.

Suzan Daniel