Brutalismus: 6 Brüsseler Highlights für Architekturfans

13 April 2022
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Die einst verpönte brutalistische Architektur hat in den vergangenen Jahren die Sphäre der Architekturliebhaber für sich einnehmen können. Die typische Ästhetik der Siebziger, die das Gesicht der modernen Städte neu geprägt hat, erfreut sich heute wieder einer gewissen Beliebtheit. Dieser teils radikale und gewagte Architekturstil der Moderne hat weltweit Rohbeton, geometrische Formen und klare Linien salonfähig gemacht und in die Städte gebracht. Auch in Brüssel gibt es einige Paradebeispiele des Brutalismus. Wir haben für Sie einige der eindrucksvollsten Brutalismus-Bauwerke in der belgischen Hauptstadt zusammengestellt, die Sie am besten mit gezückter Kamera in der Hand besuchen sollten!

Wohnhaus und Atelier des Bildhauers Godefroid Devreese

Hier haben wir es mit einem Haus von geradezu radikaler Ästhetik zu tun, das aus der Zusammenarbeit zwischen einem Künstler und einem Architekten hervorgegangen ist. Ursprünglich befand sich an der Hausnummer 71 der Rue des Ailes  das Atelier des Bildhauers Godefroid Devreese, das von seinem Freund, dem mindestens ebenso berühmten Victor Horta, erbaut wurde. 1965 ließ sich ein anderer Künstler, Raymond Huyberechts, an dieser Stelle nieder und gestaltete die Räumlichkeiten komplett um. Gemeinsam mit dem Architekten Louis van Hove verwandelte er die ursprüngliche Fassade in eine minimalistische, fast "blinde" Fläche, die von zwei schmalen Fensterschlitzen durchbrochen wird. Eine wirkungsvolle Schlichtheit, ganz im Trend der Zeit! Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, um die besonders gelungene Kombination aus Gesimsen und Trägern aus Rohbeton und Holz zu betrachten, die das Erdgeschoss verkleiden.

Rue des Ailes 71, Schaerbeek | Architekten: Victor Horta / Louis van Hove | Baujahr: 1974

Atelierhaus des Bildhauers Godefroid Devreese - brutalistische Architektur

Ehemaliger Hauptsitz der CBR-Zementwerke

Die kühnen Linien des ehemaligen Hauptsitzes der CBR-Zementwerke sind bei urbanen Architekturentdeckern wohlbekannt, mythisch... und absolut fotogen. Die ovalen Fenster mit ihren kupferfarbenen Scheiben fallen sofort ins Auge und ziehen sich durch die neun Stockwerke des Gebäudes. Die Fenster sind direkt in die Betonmodule eingebettet und verleihen dem modernistischen "Dampfer" aus der Feder des Architektenduos Constantin Brodzki und Marcel Lambrichs seinen unverwechselbaren Look. Das Gebäude hat bereits mehrfach Geschichte geschrieben, unter anderem 1980, als das Museum of Modern Art in New York es zu einem der symbolträchtigsten Gebäude der modernen Architektur wählte! Auch Filmregisseuren von François Ozon (Potiche) bis Jacques Brel (Far-West) diente seine futuristische Optik als eindrucksvolle Kulisse. In dem frisch eröffneten Restaurant Midori Boitsfort im Erdgeschoss können Sie sich zu einem trendigen Lunch niederlassen.

Chausée de la Hulpe 185, Watermael-Boitsfort | Architekten: Constantin Brodzki und Marcel Lambrichs | Baujahr: 1967-1970

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Bibliotheca Wittockiana

Die Bibilotheca Wittockiana ist ein moderner Büchertempel und ein kleines Juwel der brutalistischen Architektur. Der 1983 mit dem Belgian Architecture Awards ausgezeichnete horizontale Betonblock ist zunächst fest im Boden verankert, wird dann jedoch von einer Glasfassade überragt. Die rohen, fast monolithischen Wände sind mit üppiger Vegetation begrünt, durch die sich das Gebäude perfekt in die Umgebung einfügt. Das von seinem Architekten Emmanuel de Callataÿ als eine Art "schützende Truhe" konzipierte Bauwerk birgt es tatsächlich einen wahren Schatz: ein spektakuläres Buchmuseum mit mehreren tausend Exemplaren, das 1983 von dem Sammler Michel Wittock gegründet wurde. Im Inneren, zwischen seinen rot lackierten Holzregalen, kann man kostbare Bücher, feine Einbände und zeitgenössische Kunstwerke entdecken. Ein Ort, der sowohl wegen seiner Architektur als auch wegen seiner Sammlungen einen Besuch wert ist!

Rue du Bemel 21-23, Woluwe Saint Pierre | Architekt: Emmanuel de Callataÿ | Baujahr: 1981

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Etterbeek, Campus der VUB

In Brüssel ist das futuristische Gebäude des Architekten Renaat Braem, in dem sich das Rektorat der flämischen Universität befindet, unter dem Namen "cigare" (dt. Zigarre) bekannt. Manch einer vergisst allerdings, dass der Campus der VUB auch mit einigen brutalistischen Schmuckstücken aufwarten kann. Dazu gehört die berühmte Aula Q, die von dem Genter Architektenbüro Baro entworfen wurde. Schon von weitem erkennt man ihre kubischen Blöcke, die mit grauen Schuppen bedeckten Fassaden und die Treppen aus Rohbeton, die das Ganze einrahmen. Im Inneren beeindrucken vor allem die berühmten Säle, die durch einen in die Wände integrierten Drehmechanismus von 250 auf 1250 Sitzplätze erweitert werden können! Ein seltener architektonischer Geniestreich, der perfekt zu den seinerzeit gängigen Vorstellungen von flexiblen Räumen passte.

Boulevard de la Plaine 2, Etterbeek | Architekt: Bureau Baro | Baujahr: 1976-1977

Etterbeek-VUB-Campus

Bâtiment Marais

Können Sie sich für geometrische Muster begeistern? Dann begeben Sie sich in die Rue du Marais, wo sie die Büros von BNP Paribas Fortis in Augenschein nehmen können. Hier erfüllt das Muster in Form eines umgekehrten Y sowohl eine ästhetische als auch eine strukturelle Funktion. Dieser architektonische Kniff macht das ehemalige ALSK-Gebäude zu einem der bekanntesten Beispiele für tragende Fassadenelemente aus Architekturbeton. Es ist daher nicht überraschend, dass Marcel Lambrichs, der Architekt, der das Gebäude 1973 entwarf, als Funktionalist mit großer Kreativität gilt. Woran erinnert Sie die Fassade? Vielleicht an einen Bienenstock?

Rue du Marais, 30-50 | Architekt: Marcel Lambrichs | Baujahr: 1973

Rue d'Arlon 53 - 55

Diese drei Bürogebäude aus dem Jahr 1968 bilden eine einzige architektonische Einheit, bei der viel Beton zum Einsatz kam! Es sind vor allem die länglichen, sechseckigen Öffnungen mit abgeschnittenen Kanten und die tiefen, durchgehenden Fugen der vorgefertigten Betonplatten, die den Gebäuden im wahrsten Sinne des Wortes ein brutalistisches Aussehen verleihen. Gleich dreimal wurde der Bauantrag abgelehnt, so dass die Pläne geändert werden mussten. Dennoch gelang es dem Architekten Jean Verschuere, nicht allzu weit von seiner ursprünglichen Idee abzurücken. Ein schönes Lehrstück für Beharrlichkeit und Vielseitigkeit!

Rue d'Arlon 53-55 | Architekt: Jean Verschuere | Datum: 1973

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Fahrradtour: Highlights der modernistischen Architektur in Uccle

Begeben Sie sich auf eine Fahrradtour entlang der schönsten modernistischen Fassaden der Gemeinde Uccle. Ein architektonischer Parcours, bei dem Ihnen eine Reihe zeitgenössischer Traumhäuser begegnen...