Ein poetischer Spaziergang durch Brüssel

J'existe
© visit.brussels - Jean-Paul Remy - 2021

Unser Alphabet zählt 26 Buchstaben, doch urbane Dichter und Poeten verstehen es, daraus wunderbare Wortschätze zu erschaffen. Sie reihen die Wörter aneinander, zaubern berührende Poesie, bemerkenswerte Prosa und packendsten Verse. Von der atemberaubenden Liebeserklärung bis zur bewegenden persönlichen Erzählung – die Macht der Worte ist unbestreitbar! Auch die Stadt birgt zahlreiche Botschaften, die Poesie der Worte ist allgegenwärtig. Man muss nur genau hinsehen: in U-Bahn-Stationen und Schaufenstern, an Mauern und in Parks und natürlich auf den Toilettentüren der Cafés!

Ein wenig des Französischen oder Niederländischen mächtig sein sollten Sie schon – ansonsten können Sie behelfsweise die Foto- und Übersetzungsfunktion von Google Lens bemühen!

Wortkunst in den Brüsseler Parks

Un labyrinthe du monde - Marguerite Yourcenar (Jean-François Octave - 2004)

Allein schon die Lage des Parc Egmont ist sehr besonders: Er befindet sich eingerahmt von Häuserblöcken zwischen der Rue aux Laines, dem Boulevard de Waterloo und der Rue du Grand Cerf. Dabei vermitteln seine weitläufigen, von majestätischen Bäumen gesäumten Rasenflächen ein fast unwirkliches Gefühl von Frieden und Ruhe. In der kleinen Passage "Marguerite Yourcenar" können Sie sich die 14 (auf Französisch) in Stein gemeißelten Zitaten aus "L'oeuvre au noir" (dt. "Die schwarze Flamme"), einem der bekanntesten Romane von Marguerite Yourcenar, auf sich einwirken lassen. Von der Rue aux Laines aus gelangen Sie über das "Labyrinth" (bestehend aus einem quadratischen Hof, Treppen , einer Rotunde und einem Springbrunnen) zum Park. Dort, wo einst das imposante Herrenhaus stand, in dem die Schriftstellerin 1903 geboren wurde (Hausnummer 193 der Avenue Louise), erschuf der belgische Künstler Jean-François Octave ihr zu Ehren 100 Jahre später ein 16 m² großes "offenes Haus". In 'Un labyrinthe du monde' mischt er in bunten Paneelen Fotografien der Schriftstellerin mit Auszügen aus ihren Schriften .

La Fleur en Papier Doré - Het Goudblommeke in Papier

Nächste Station ist der kleine Place de Dinant mit Blick auf die Rue des Alexiens. Der Zaun dieser Grünfläche in Kleinformat trägt eine Inschrift, die aufmerksame Spaziergänger zum Schmunzeln bringen wird. "Kommobinne Menier Pieters tès vèi opagat te valle of tza moete zain dageda skuun vindt? Den iene zaïget zoe en den andere zaïget anders en zémme alletwie gallaik". So die poetischen Worte im Brüsseler Dialekt von Geert van Bruaene, dem Gründer des legendären Literatur- und Kulturcafés La Fleur en papier doré, das sich ein Stück weiter unten befindet. Der Kunsthändler, Dichter und Theatermacher schuf es als Treffpunkt für Künstler der surrealistischen Cobra-Bewegung und später für die Redaktion der Zeitschrift Tijd en Mens. Die zahlreichen Zeichnungen, Fotografien und andere Kuriositäten, die die Wände schmücken, zeugen bis heute von seinen illustren Gäste, die sich hier in der Vergangenheit die Ehre gaben: Pierre Alechinsky, Louis Scutenaire, René Magritte, Georges Rémi (Hergé) ...  Und später Christian Dotremont, der junge Hugo Claus, Jean Dubuffet, Louis Paul Boon, Simon Vinkenoog ...!

Poesie in der U-Bahn

Mit über 80 Kunstwerken in 69 Brüsseler U-Bahnstationen können Sie mit Ihrer Fahrkarte buchstäblich durch die größte unterirdische Kunstgalerie der Stadt reisen. Zu bewundern gibt es Drucke, Fotografien, Skulpturen, Gemälde und Installationen von bekannten und weniger bekannten belgischen Künstlern: Stephan Vanfleteren, Roger Raveel, Berlinde De Bruyckere, Pol Mara, Jo Delahaut, Vic Gentils, An Van Gijsegem, Roger Somville, Jan Cox, Nora Theys, Vincen Beeckman und viele mehr...

De stad beweegt in de palm van mijn hand - Metro De Brouckère (Jan Vanriet -2004)

"De stad beweegt in de palm van mijn hand" (dt. Die Stadt bewegt sich in meiner Handfläche), Jan Vanriet. Die Umgestaltung der U-Bahn-Station De Brouckère ist abgeschlossen, so dass die Kunstwerke nun noch besser zur Geltung kommen. Der Künstler Jan Vanriet hat über die gesamte Länge der Wände, die die Rolltreppen und Rollteppiche säumen, eine Art Bildergeschichte angeordnet, in der verschiedene Themen zusammenfließen. Die Fotografien und Linolschnitten, die sich auf die Architektur und die Geschichte des Ortes beziehen, ergänzen das Ensemble um eine visuelle Dimension. Der Künstler ließ sich insbesondere von einem Gedicht von Benno Barnard und einem Chanson von Jacques Brel inspirieren, die eben diesen Ort zum Gegenstand haben.

Sol - Grond - Metro Trône - Troon

"Sol/Grond" (dt. Boden) in der U-Bahnstation Trône ist das Werk des multidisziplinären Künstlers Patrick Bernatchez und gleichzeitig das Ergebnis eines kulturellen Austauschs zwischen Belgien und Kanada. Das von verschiedenen Geschichten über die Ausbeutung der Natur und des Menschen inspirierte Werk hallt sowohl in Belgien als auch in Kanada eindringlich nach. Der Künstler fügte mehrere bronzene Bohrkerne aus dem Kongo und dem Inuit-Gebiet zusammen und versah die zylindrische Formen mit Gravuren und Fragmenten der persönlichen Geschichten zweier Überlebender der Kolonialisierung in den beiden Regionen. Die auf vertikalen Stützen ruhenden ie Bohrkerne bilden nicht nur einen Handlauf, sondern vor allem auch einen materiellen und kulturellen Ankerpunkt zu beiden Seiten der Station hin.

Poesie in allen Stockwerken

Dans une ville qui compte plus de 183 nationalités, la richesse linguistique de Bruxelles est avérée. Vers Brussel - Poésie en ville, un projet de Passa Porta datant de 2004, a donné à la poésie multilingue une place éminente et permanente dans la capitale. Une dizaine de poètes issus des quatre coins du monde se sont immergés pendant une semaine dans la vie quotidienne d'un quartier bruxellois en compagnie d'un artiste plasticien belge. Résultat ? Une dizaine d'odes poétiques à la métropole, en interaction avec autant d'œuvres d'art dans dix quartiers différents. Ces impressions partagées sont encore visibles aujourd'hui sous la forme d'un parcours surprenant sillonnant la ville.

Sol - Grond - Metro Trône - Troon

mbogo où es-tu, waar ben je? (dt. Wo bist du?) – die Brüsseler Künstlerin Els Opsomer lebt und arbeitet zwischen Brüssel und Rufisque im Senegal. In Anlehnung an die Gedichte des kongolesischen Dichters Kasele Laïsi Watuta, mit dem gemeinsam sie die Gemeinde Jette erkundet hat, entwarf sie eine monumentale Edelstahlskulptur. Dabei spielt das Kunstwerk mit den verschiedenen Perspektiven, die der Ort und die umliegenden Wohnungen bieten. Wenn Sie es in vollem Umfang in Augenschein nehmen wollen, müssen Sie das Wohnhaus selbst betreten, von wo aus Sie einen Vers des Dichters in der vergrößerten Handschrift der Künstlerin entziffern können! Im Erdgeschoss dient der Sockel der Skulptur mal als Bank, mal als Spielplatz und Treffpunkt für die Bewohner des Viertels..... Opsomers Neuinterpretation unserer globalisierten Realität ist somit mit der Spannung zwischen Entfremdung und Anerkennung in der Metropole verbunden, die im Mittelpunkt von Kaseles Gedichten steht.

Pasing by. Die polnische Dichterin Agnieszka Kuciak und der belgische bildende Künstler Peter Weidenbaum besuchten das Viertel um den Kreisverkehr Montgomery und waren beeindruckt von der unaufhörlichen Hektik der Stadt. Ihre Zusammenarbeit mündete in den Bau eines monumentalen Rettungsschwimmer-Hochstuhls (der leider nicht bestiegen werden kann): Das eigentlich Erlebnis findet am Fuße der Skulptur statt, wo Sie für einen Moment die Hektik der Umgebung vergessen können, indem Sie ein Gedicht von Agniezka Kuciak lesen. Ein Moment der Stille und der Ruhe in einer Umgebung, die sich ständig in Bewegung befindet.