Zoom auf die Fotokunst in Brüssel

31 März 2026
Photographie - art - Rue Rambuteau - Rue Saint Denis, 1er arrondissement.Paris, 26 mars 2020©Frédéric Stucin

Seit ein paar Jahren hat die Fotokunst in Brüssel frischen Wind in den Segeln. Anders als Antwerpen oder Charleroi besitzt die belgische Hauptstadt zwar noch kein eigenes Fotomuseum, doch die Brüsseler Institutionen, die sich der Kunst des "Schreibens mit Licht" widmen, füllen diese vermeintliche Lücke spielend. Wir präsentieren Ihnen die Pioniere, die Highlights und die jüngsten Neuzugänge.

box galerie – Besondere Bilderwelten

Blick auf den Ausstellungsraum von Stieglitz19

Die 2004 in Brüssel eröffnete Box Galerie steht unter der Leitung von Alain D'Hooghe, der sich seit den 1980er-Jahren der Erforschung, Förderung und Verbreitung der Fotokunst widmet. Der Tausendsassa hat dabei bereits sämtliche Berufe im Dunstkreis der „achten Kunst“ ausgeübt. Sein erklärtes Ziel ist es, selbst als Vermittler zu fungieren und Verbindungen zu schaffen zwischen Fotografen und Sammlern, Ausstellungsbesuchern und Lesern eines Buchs. Tatsächlich finden Sie in der galerieeigenen Buchabteilung eine schöne Auswahl an Werken, die den in der Galerie vertretenen Fotografinnen und Fotografen gewidmet sind, limitierte Auflagen und einige seltene Sammlerstücke. Die Architektur der Galerie, ein kleiner, etwas verwinkelter und in weißes Licht getauchter Raum, lässt den ausgestellten Werken viel Platz. Ein wiederkehrendes Thema der 5 bis 6 jährlichen Ausstellungen: die Reise als Möglichkeit, die Welt zu begreifen. Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler offenbaren – jede und jeder für sich – ein ganz eigenes, unverkennbares Universum mit einem sehr persönlichen fotografischen Stil, der ein absolut stimmiges Werk ergibt. Und wieder einmal die Erkenntnis: Es gibt kein Patentrezept für einen guten Fotografen oder ein gutes Foto. Es ist eine Frage des Blicks.

102 Chaussée de Vleurgat 1050 Ixelles

Stieglitz19 – Schwerpunkt auf Fotografie aus China und Japan

Blick auf den Ausstellungsraum von Stieglitz19

Stieglitz19  hat sich auf die zeitgenössische Fotografie aus China und Japan spezialisiert. Die Galerie von Dries Roelens trägt den Namen des amerikanischen Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz, der als prägende Figur der New Yorker Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts für die Anerkennung der Fotografie als eigene Kunstform eintrat, um sie auf eine Stufe mit anderen traditionelleren Künsten zu stellen. Nachdem sich Roelens bereits in Antwerpen einen Namen gemacht hatte, lag die Eröffnung eines zweiten Ausstellungsraums in Brüssel auf der Hand. Das Stieglitz 19 befindet sich zwischen der Avenue Louise und der Chaussée de Vleurgat – einem Viertel mit traditionell hoher Galeriedichte. Der Ausstellungsraum im Erdgeschoss eines architektonisch nüchtern-modernen Gebäudes lässt mit seiner intimen Atmosphäre viel Raum für die ausgestellten Werke. Mit Experimentierfreude und Lust am Neuen erforschen die ausgewählten Künstler die Möglichkeiten des Mediums in Form von überbordend lebendigen Werken voller Freiheitsdrang.

24 Rue Saint Georges 1050 Ixelles

Studio Baxton – Das Haus der analogen Fotografie

Portrait auf Kollodium-Nassplatte

Auf dem charmanten Place de la Vieille Halle aux Blés gibt es nicht nur die Statue von Jacques Brel zu sehen. Ein Stück weiter, hinter der Barockfassade der Hausnummer 29, befindet sich einer der Brüsseler Tempel für analoge Fotografie: das Studio Baxton – La Maison de la Photographie Argentique. Hier widmet man sich in der Tat mit Leib und Seele der analogen Fotografie, mit einem besonderen Augenmerk für die fotografischen Techniken des 19. Jahrhunderts. Lassen Sie im Studio ein Portrait auf Kollodium-Nassplatte anfertigen, einer 1851 entwickelten Technik. Oder nehmen Sie an einem der zahlreichen Workshops teil und erhalten eine Einführung in verschiedene historische fotografische Verfahren. Zum Sortiment des angeschlossenen Ladens mit Buchhandlung zählen Vintage-Fotoapparate (einige davon sind bis zu 150 Jahre alt!), Super-8-Filme, Foto-Standardwerke oder Kunstfotobücher. In der Galerie sind regelmäßig wechselnde Ausstellungen zu sehen – selbstredend ausschließlich analoge Fotografien.

29 Place de la Vieille Halle aux Blés 1000 Bruxelles

TinyGallery - Kleines Museum der Amateurfotografie

Enfant Sauvage

Die TinyGallery zeigt eine Reihe von Fotografien, die ebenso spontan wie authentisch, intim wie lebendig sind. Kein Wunder, denn in diesem „kleinen Museum für Amateurfotografie“ dreht sich alles um alte Fotografien. Die ausgestellten Fotos, deren Kühnheit geradezu zeitgenössisch, ja modern anmuten, sind in Wirklichkeit in einer ganz anderen historischen Kontext verankert. Der Herzstück der ständigen Sammlung besteht größtenteils aus Bildern vom Ende des 19. Bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie zeigen die großen Augenblicke im Leben der kleinen Leute: eine Ankunft in New York, ein Sonntagsausflug, eine Zugfahrt ... Parallel zu den thematischen Ausstellungen organisiert die TinyGallery regelmäßig Workshops, bei denen man alte Fototechniken oder digitale Kunst erlernen oder perfektionieren kann. Olivier Guyaux, der Gründer des Museums, lässt sich von mehreren internationalen Künstlern begleiten, die – jeder auf seine Weise – das Projekt des spontanen Ausdrucks weiterführen. 

26 Rue de la Cuve 1050 Ixelles

La Nombreuse– Ein Sprungbrett für aufstrebende Talente

Die Atelier-Galerie La Nombreuse ist ein weiteres Beispiel der immer zahlreicher werdenden multifunktionalen Kunst-Hotspots in der Gemeinde Saint-Gilles. Das im September 2020 gegründete Kollektiv versteht sich als niederschwelliges Angebot und pflegt enge Bande mit dem Stadtviertel, in dem es sich befindet. Ziel von La Nombreuse ist es unter anderem, als Sprungbrett zu fungieren und die Kluft zwischen Fotoschulen und kulturellen Einrichtungen zu überbrücken, denn, wie das Kollektiv betont, „in der Schule lernt man nicht alles“. Téo Becher, Lucas Castel, Nicolas Catalano, Romain Cavallin, Martin Gallone, Solal Israel und Sarah Lowie, unterstützt von der Kunsthistorikerin Charlotte Lalau, bündeln ihre Kräfte und Kompetenzen, um aufstrebende Talente der zeitgenössischen Fotografie zu fördern. Mit ihren zahlreichen innovativen Ausstellungen, Führungen, Vorträgen und kostenlosen Workshops rund um die analoge Fotografie wenden sie sich an ein vielfältiges Publikum. Einen ersten Eindruck bietet übrigens das hauseigene Magazin BeNombreuse!

42 Rue du Fort 1060 Saint-Gilles

Géopolis – Zentrum für Fotojournalismus

Enfant Sauvage

Géopolis  befindet sich im Herzen des Brüsseler Marollen-Viertels, genauer gesagt in der ersten Etage der Ateliers des Tanneurs, die zahlreiche weitere Initiativen beherbergt. Das Kulturzentrum, das sich der Fotoreportage und der Entschlüsselung der Aktualität widmet, wurde 2017 von Ulrich Huygevelde und Thomas Kox – ihres Zeichens leidenschaftliche Geopolitiker. Mit Fotoausstellungen, didaktischen Installationen, Podcasts, Radiosendungen und einer ganzen Reihe von pädagogischen Aktivitäten möchten sie geopolitische und klimapolitische Fragestellungen für die Öffentlichkeit und insbesondere für junge Menschen leichter zugänglich machen. Es besteht ein echter Bedarf an Kontextualisierung, Analyse und Reflexion, um die gegenwärtigen Informationsströme zu verstehen. Erfahrene Fotografen und junge Talente werden daher eingeladen, aktuelle Themen zu beleuchten. Die Ukraine stand lange Zeit im Vordergrund, teilweise aufgrund der profunden Kenntnisse, die sich die beiden Gründer in der Region angeeignet haben. Aber auch die Taliban, die bedrohte Pressefreiheit, die Müllproblematik, das Leben in Ländern, in denen Krieg herrscht oder gerade Frieden geschlossen wurde, wurden bereits behandelt.

58 Rue des Tanneurs 1000 Bruxelles

L'Enfant Sauvage – Experimentelle Fotokunst

Enfant Sauvage

Das Enfant Sauvage ist ein Ausstellungs- und Kreativraum, der voll und ganz der Fotografie gewidmet ist. Es handelt sich um das ambitionierte und zu 100 % selbstfinanzierte Projekt der Fotografin Pauline Caplet, die einen Ort suchte, an dem sie die Werke der von ihr geschätzten Fotografen ausstellen konnte. Und da sie keinen Ort fand, der ihren Ansprüchen genügte, beschloss sie kurzerhand, selbst einen Ausstellungsraum zu eröffnen, der genau den Bedürfnissen junger Fotokünstlerinnen und -künstler und den Wünschen des „bilderhungrigen“ Brüsseler Publikums entsprach. Die Ausstellungen vereinen unter einem Dach Brüsseler, belgische und internationale Fotografen, die sich unterschiedlicher, teils historischer Techniken bedienen, wobei die analoge Fotografie im Rampenlicht steht. Pauline versammelt die großen Namen der Fotoszene um sich, lässt sich aber auch immer wieder von Neuentdeckungen überraschen. Im Mittelpunkt steht auch die Idee des Austauschs – und so finden das ganze Jahr über Künstlergespräche, Workshops (von der Lochkamera bis zum Eisenblaudruck), Café-Diskussionen, Filmvorführungen und Buchveröffentlichungen statt. Abgerundet wird das Ganze durch einen kleinen, gut sortierten Buchladen.

23 Rue de l’Enseignement 1000 Bruxelles

Contretype - Zentrum für zeitgenössische Fotografie in Brüssel

Contretype

Das Contretype  wurde 1978 von Jean-Louis Godefroid (1952-2013) gegründet und versteht sich als Kunstzentrum für die Produktion, Ausstellung und Verbreitung der Autorenfotografie. Nachdem Godefroid einige Zeit in seiner eigenen Wohnung ausgestellt hatte (unter anderem mit klingenden Namen wie Robert Rauschenberg, David Hockney, Karl Blossfeldt, Robert Mapplethorpe,...!), kam das Contretype 1988 in dem Jugendstilbauwerk Hôtel Hannon unter, bevor es 2014 an seinen jetzigen Standort, die Cité Fontainas (ein weiteres prestigeträchtiges Gebäude in Saint-Gilles), umzog. Dank der zahlreichen belgischen und internationalen Kooperationen werden regelmäßig auch Aktivitäten extra-muros organisiert. Aus dem Artist-in-Residence-Programm für belgische und internationale Fotografen gehen regelmäßig neue Arbeiten hervor, die in die ständige Sammlung mit dem Schwerpunkt Brüssel aufgenommen werden (die mittlerweile Werke von rund 40 Künstlern umfasst). So entsteht nach und nach ein fein gezeichnetes Porträt von Brüssel… 

4A Cité Fontainas 1060 Saint-Gilles

Hangar - Photo Art Center / Gallery

HANGAR - Photo Art Center

Ausgehend von der Feststellung, dass sich 80 % der Ausstellungen im Hangar  ohnehin um Fotografie drehten, beschloss das Kunstzentrum, sich ganz bewusst ausschließlich der Fotokunst zu widmen. Mit etwa 8 bis 10 Ausstellungen pro Jahr bietet das Hangar einen umfassenden Blick auf die zeitgenössische Fotografie, wobei hinsichtlich der Genres, Territorien oder Methoden keinerlei Grenzen gesetzt sind. Dank der verschiedenen Partnerschaften mit Kunst- und Fotoschulen erhalten junge Talenten hier sowohl eine Bühne als auch kostbare Unterstützung. Jährliches Highlight ist das PhotoBrussels Festival. Das von der Direktorin des Hangar, Delphine Dumont, ins Leben gerufene Festival ist das beste Beispiel für die neue Dynamik der Brüsseler Fotoszene. Untergebracht ist das Hangar in einer mehr als 1000 m² großen ehemaligen Autofabrik. Neben dem schönen, lichtdurchfluteten Ausstellungsraum verfügt das Hangar über eine Buchhandlung sowie Räume für Konferenzen, Workshops und Veranstaltungen.

18 Place du Châtelain 1050 Ixelles

 

Fondation A Stichting – Eine dynamische Plattform für Fotografie

Seit ihrer Eröffnung im Oktober 2012 in der ehemaligen Bata-Schuhfabrik hat sich die  Fondation A Stichting in Brüssel als Referenzpunkt für Fotokunst etabliert. Die wechselnden Ausstellungen zeigen regelmäßig Perlen der Fotografie, darunter Werke von Fotografinnen und Fotografen wie Helen Levitt, Henry Wessel, Graciela Iturbide, Guido Guidi oder auch des Brüsseler Lokalmatadors Vincen Beeckman. Die von Astrid Ullens de Schooten Whettnall gegründete Stiftung hat sich in einem traditionell eher industriell geprägten Viertel niedergelassen. Heute trägt sie gemeinsam mit anderen lokalen Kultureinrichtungen, darunter das Kulturzentrum BRASS, die renommierte Tanzinstitution P.A.R.T.S., das Zentrum für zeitgenössische Kunst WIELS und die moderne Kunstgalerie Galila’s P.O.C. dazu bei, das Viertel mit Leben zu füllen. Erklärtes Ziel der Fondation A Stichting ist es, die Fotokunst einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Dies gelingt durch ambitionierte Ausstellungen und die Präsentation einer außergewöhnlich reichen Sammlung mit hohem dokumentarischem Wert und eindrucksvollen visuellen Zeugnissen; ganz im Sinne der Werke von Walker Evans oder Lewis Baltz, die zu den Vorreitern der zeitgenössischen Fotografie zählen und nach wie vor Diskussionen und Reflexionen anregen - womit sie ein weiteres Ziel der Stiftung erfüllen.

304 Avenue Van Volxem 1190 Forest