Historische Ladenpassagen als Teil des Brüsseler Kulturerbes

09 September 2024
une vue de la section livres de cook & book

Durch das Glasdach fällt Tageslicht ein, es herrscht eine altmodisch-elegante Atmosphäre und man atmet förmlich das besondere Flair der Stadt... Die historischen Ladenpassagen sind ein fester Bestandteil des Brüsseler Stadtbildes.

Flanieren Sie mit offenen Augen durch diese nicht nur architektonisch eindrucksvollen Bauwerke. Die ältesten von ihnen strahlen bis heute mit ihrer einstigen Pracht. Im 19. Jahrhundert folgte Brüssel dem Pariser Beispiel, denn auch in der französischen Hauptstadt waren Ladenpassagen seinerzeit schwer en vogue. Und so baute man in Brüssel gleich mehrere prächtige Passagen, von denen drei bis heute erhalten geblieben sind. Weitere Passagen ähnlicher Bauart folgten im Laufe des 20. Jahrhundert

Entdecken Sie die schönsten Beispiele im Brüsseler Stadtzentrum und genießen Sie ein fast schon erhabenes Einkaufserlebnis, noch dazu garantiert trockenen Fußes

Die Galeries Royales Saint-Hubert, die Berühmte

Die Galeries Royales Saint-Hubert – eigentlich sind es gleich drei Passagen, die Galerie de la Reine, die Galerie du Roi und die Galerie des Princes - sind zweifellos die bekanntesten Ladenpassagen der belgischen Hauptstadt. Sie befinden sich ganz in der Nähe des Grand-Place und sind berühmt für ihrer grandiose Architektur und die besondere Schönheit ihrer Struktur und ihres Dekors. Kurz vor Mitte des 19. Jahrhunderts wollte man das Ansehen dieses Teils des Stadtzentrums ein wenig aufpolieren, und so konnte man im Juni 1847, d. h. nach gerade einmal 13 Monaten Bauzeit unter der Leitung des Architekten Jean-Pierre Cluysenaar, die drei Passagen einweihen. Das Ergebnis kann sich bis heute sehen lassen! Ein beeindruckendes architektonisches Meisterwerk, dessen majestätisches Glasdach ein bemerkenswertes technisches Know-how erforderte. Ursprünglich beherbergten die Passagen 70 Luxusboutiquen und 100 Privatwohnungen. In den Galeries Saint-Hubert fand übrigens die erste Kinovorstellung Belgiens statt, und auch die belgische Praline wurde hier - genauer gesagt in der Apotheke von Jean Neuhaus - erfunden. Bis heute findet man hier noch Luxusboutiquen, Restaurants und Cafés, ein Kino sowie ein Theater, dessen größter Saal ein von René Magritte höchstpersönlich gemalter Wolkenhimmel ziert.

quelques femmes furetant à Passa Porta

Die Galerie Bortier, mit Antiquariat

Die Galerie Bortier wurde nach ihrem Initiator benannt. Sie befindet sich in demselben Viertel wie die Galeries Royales de Saint-Hubert, sie stammt aus derselbe Zeit und wurde von demselben Architekten entworfen und erbaut.  Eingeweiht wurde sie im September 1848. Bewundern Sie die reiche Ornamentik, die hauptsächlich aus Marmor und Gusseisen gefertigt wurde, einem damals neuen Material, das auch als Strukturelement diente. Bücherliebhaber können an den berühmten Ständen mit antiquarischen und gebrauchten Büchern stöbern. Hier lässt sich so manch literarischer – wenngleich auch vorwiegend französischsprachiger Schatz - heben.

l'immense librairie Tropismes en vue de dessus

Die Passage du Nord, die Überraschende

Die Passage du Nord ist gleich nach den Galeries Royales die zweitwichtigste Brüsseler Ladenpassage.  Sie wurde von 1881 bis 1882 nach den Plänen des Architekten Henri Rieck errichtet und ist somit etwas jüngeren Datums. Der Bau dieser Passage erfolgte vor dem Hintergrund einer ganz wesentlichen städtebaulichen Maßnahme: der Übertunnelung des Flusslaufes der Senne und der Anlage der zentralen Boulevards von 1870 bis etwa 1880. Die Passage ist ein architektonisches Wunderwerk, das zwei wichtige Achsen - den Boulevard Adolphe Max und die berühmte Shoppingmeile Rue Neuve - miteinander verbindet und aufgrund ihres elegant-gediegenen Charmes zweifellos einen Umweg wert ist. Genau wie die ersten beiden Galerien verfügt auch sie über ein Glasdach und vor allem über prunkvolle Verzierungen: Werfen Sie einen Blick auf die insgesamt 32 Karyatiden, die der Passage du Nord einen ganz besonderen Charme verleihen. Im Erdgeschoss sind Geschäfte untergebracht - damals waren es 34 an der Zahl, von denen einige, darunter das Traditionshaus und Besteckfachgeschäft „Coutellerie du Roi“ – in seiner historischen Form erhalten geblieben sind. Die Säle in den oberen Stockwerken hingegen dienten früher hauptsächlich der Kultur und der Unterhaltung. Künftig sollen die oberen Stockwerke für Coliving-Projekte genutzt werden.

Une mère lit à son enfant à Le Wolf

Die Galerien des 20. Jahrhunderts, neue Ästhetik, neue Funktionen

Wenden wir uns nun den Ladenpassagen zu, die zwar etwas neueren Datums sind, aber dennoch eine Bedeutung für die Stadt haben.  

Die Galerie Ravenstein zum Beispiel ist Brüsseler Pendlern, die täglich den Bahnhof Gare-Centrale nutzen, als Verbindungsstück zwischen dem oberen und dem unteren Teil der Stadt ein Begriff. Sie wurde zwischen 1954 und 1958 nach den Plänen der Architekten Alexis und Philippe Dumont im internationalen Stil, d. h. dem kostengünstigen Trend der Moderne, erbaut. Die imposante Betonkuppel mit Hunderten von Glassteinen ist besonders eindrucksvoll... Die Galerie Horta liegt nicht weit entfernt und wirkt eher unauffällig. Sie verbindet den Gare-Centrale mit dem Place d’Espagne, von wo aus man sich weiter in Richtung Stadtzentrum mit seinem prächtigen Grand-Place bewegen kann. Die Passage verfügt über eine große Rotunde und wird heute häufig als Ort für kulturelle und künstlerische Veranstaltungen genutzt. Die Galerie du Centre (1951-1953) zeichnet sich durch ihre Aufteilung aus: ein zentraler Block, um den herum sich die kreisförmige Promenade gruppiert. Und darüber ein Dach aus Beton und Glas. Hier befinden sich Geschäfte, Wohnungen und ein Kino. Wenn Sie das Gebäude durch den Haupteingang in der Rue des Fripiers betreten, werden Sie schnell feststellen, dass Sie auf der Rückseite einen Blick auf die mittelalterlichen Gassen und Sackgassen rund um den Grand-Place werfen können. Ein kleiner Einblick in die typisch mittelalterliche Parzellierung der Stadt.