Brüsseler Folklore und Kulturerbe, alljährliche Veranstaltungen und Festivitäten

04 Juli 2024
Zinneke-Parade

Anarchistisch-fröhliche Blaskapellen, farbenfrohe Paraden, jahrhundertealte Bruderschaften, herrliche Blumenteppiche und andere mittelalterliche Traditionen... die Brüsseler Folklore ist das ganze Jahr über quicklebendig. Werden Sie ein echter Brüsseler Zinneke* und entdecken Sie den eigenwilligen Charme des immateriellen Kulturerbes der belgischen Hauptstadt. Von der mittalalterlichen Ommegang-Parade bis zum traditionellen Marionettentheater des Théâtre de Toone! Ergründen Sie die Brüsseler Wurzeln und Traditionen mit unserer Auswahl der besten Veranstaltungen und Festivitäten, von authentisch bis festlich.

*Dieser Begriff, in seiner ursprünglichen Bedeutung "Mischlingshund", hat sich in der Brüsseler Mundart als Bezeichnung für den typischen Brüsseler durchgesetzt, der sich durch seine vielgestaltigen Wurzeln auszeichnet

 

FRÜHLING

Zinneke Parade (alle zwei Jahre - am ersten Wochenende im Juni)

Seit knapp 25 Jahren hat sich die Zinneke Parade als überaus beliebter und bunter Farbtupfer innerhalb der Brüsseler Kulturlandschaft etabliert. Alle zwei Jahre versammeln sich rund zwei Dutzend Zinnoden (so der Name der fröhlichen Kohorten der großherzigen Troubadoure, bunt maskierten Zirkusleute und schmissigen Musikanten mit ihren in der Sonne funkelnden Tubas, Trompeten und Posaunen...) und interpretieren das durch Abstimmung gewählte und oftmals herrlich originelle Motto. Über die Brüsseler Stadtviertel verstreut arbeiten die Zinnoden über Monate hinweg an ihrem unvergesslichen Spektakel (vom Kostüm über die Choreographie bis hin zur Musik) und verbinden dabei aufs Schönste die Elemente der reichen und althergebrachten Karnevalsfolklore Belgiens mit einem zeitgenössischen und multikulturellen Touch.

SOMMER

Ommegang (Anfang Juli)

Wenn die Hufe der Pferde auf den Pflastersteinen des Grand-Place widerhallen, bunte Fahnen wirbeln und Karl V., sein Sohn und seine Schwestern in Brokatgewändern zur Parade antreten, dann hat die Stunde des Ommegang geschlagen. Jedes Jahr im Juni oder Juli wird hier eine historische Begebenheit im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompete nachgespielt. Es war im Jahr 1549, als Karl V. die Ommegang-Prozession - eine religiöse Prozession mit zunehmend weltlichem Charakter - dazu nutzte, seinen Sohn und Thronfolger Philipp vorzustellen. Kein Wunder, dass der Ommegang in jenem Jahr prächtiger und strahlender als je zuvor ausfiel! Seitdem hat es sich eingebürgert, jedes Jahr eine prominente Persönlichkeit als Herold einzuladen, was der Veranstaltung einen Hauch von Glamour verleiht. Als Ehrengäste dabei waren z. B. bereits die Komponistin, Autorin, Chansonnière und Schauspielerin Axelle Red und der ehemalige belgische Außenminister Didier Reynder. Parallel dazu gibt es beim Brussels Renaissance Festival rund um die Sablon-Kirche zahlreiche mittelalterliche Aktivitäten - von Reiterwettkämpfe bis hin zum beeindruckenden Schießwettbewerb der Brüsseler Armbrustschützen!

Blumenteppich (alle zwei Jahre - Mitte August)

Im Sommer nehmen in Brüssel nicht nur die Sonnenanbeter schöne Farben an: Alle zwei Jahre im August schmückt sich der ohnehin schon prachtvolle Grand-Place mit einem herrlichen Blumenteppich. Auf mehreren hundert Quadratmetern fügen sich abertausende Begonien, Dahlien und Gräser vor der atemberaubenden architektonischen Kulisse zu aufwendigen Mustern in bunten Farben. Eine wunderbare botanische Kreation, deren besondere Schönheit zusätzlich durch eine Ton- und Lichtinszenierung unterstrichen wird. Den besten Ausblick hat man übrigens vom gotischen Balkon des Rathauses aus. Bitte beachten Sie: Brüssel rollt seinen Blumenteppich nur alle zwei Jahre aus (in geraden Jahren). Doch auch in den ungeraden Jahren "blüht" Ihnen etwas, denn dann wird das Innere des Brüsseler Rathauses im Rahmen von Flowertime  mit aufwendigen Blumenarrangements geschmückt.

 

 

Meyboom (9. August)

In Brüssel spaßt man nicht mit den Bruderschaften und Zünften und insbesondere nicht mit der Zunft der Armbrustschützen. Seit dem Mittelalter (vermutlich seit dem Jahr 1308 ) organisieren die Schützen der "Bruderschaft der Armbrustschützen von Saint-Laurent" die Setzung des Meyboom... und zwar am 9. August! Bei diesem jahrhundertealten Volksfest, das als das älteste der Brüsseler Folklore gilt, dreht sich alles um das Aufstellen des Maibaums, d. h. eines jungen Baumes, begleitet von einem festlichen Umzug der folkloristischen Figuren mit ihrer wunderbar farbenfrohen Symbolik. Dabei sind die Rollen klar verteilt: Die Bûûmdroegers tragen den Baum auf ihren Schultern, die Poepedroegers, eine Familie von Riesen mitsamt Nachwuchs (darunter ein denkwürdiges Baby), oder die Gardevils, die mit ihren Zylinderhüten für die Sicherheit des Zuges sorgen.

 

"Bal National" und "Resto National" anlässlich des belgischen Nationalfeiertags (21. Juli)

Die Brüsseler Ketjes, die typisch Brüsseler Bengel, bekannt für ihre Selbstironie und ihren unnachahmlichen spöttischen Humor, haben dieses Fest anlässlich des belgischen Nationalfeiertags zu einem kleinen Highlight des Brüsseler Kulturerbes gemacht. Wer die Quintessenz der Zwanze (des typisch Brüsseler Humors, der hier zur Lebenskunst erhoben wurde) erleben möchte, der sollte rund um den belgischen Nationalfeiertag das volkstümliche Marollenviertel aufsuchen. Bereits am Vorabend, am 20. Juli ab 19 Uhr, eröffnet der Bal National die Feierlichkeiten mit einem herrlich unkonventionellen Tanzabend (es gibt sogar ein anarchistisches Aufwärmtraining, um Sie richtig in Schwung zu bringen). Am nächsten Tag wird auf dem Place du Jeu de Balle bei Blasmusik und traditionellen Gesängen zu zu einem riesigen Moules-frites-Gelage (Miesmuscheln und Pommes!) geladen. Gerüchten zufolge kann man hier sogar dem belgischen König über den Weg laufen! Bringen Sie gute Laune mit, Brüssel kümmert sich um den Rest!

HERBST

Folkorissimo (17. und 18. September)

Welcher Ort wäre besser wohl geeignet als der Grand-Place mit seinen prunkvollen Zunfthäusern, um die historischen, folkloristischen und gastronomischen Zünfte und Bruderschaften der belgischen Hauptstadt zu feiern? Mitte September treffen Sie die Vertreter und Akteure des Brüsseler Kulturerbes in "Fleisch und Blut". Unter ihrem roten Samtumhang sind es die Gefährten des Witloof, die den emblematischen Brüsseler Chicorée verteidigen. Ihnen zur Seite stehen der Ordre de Gambrinus für die in Brüssel gebrauten Biere. Der Zunft der Brusselse Moestasje, der sich nicht nur für die Brüsseler Mundart einsetzt, sondern auch die schönsten Schnurrbärte kürt! Und sie sind bei weitem nicht die einzigen, die das immaterielle Kulturerbe der belgischen Hauptstadt hochhalten. Den bunten Reigen vervollständigen die tanzenden Riesen (riesige Figuren, die in den Umzügen und Prozessionen ihren Auftritt haben), Spiele, Holzpuppen, Verkostungen, Drehorgelkonzerte und folkloristische Tänze. 

 

GANZJÄHRIG (außer im Januar)

Marionettentheater "Théâtre Royal de Toone"

Es gibt einen Ort, an dem das Herz von Brüssel ein wenig höher zu schlagen scheint als anderswo, einen Ort wie aus der Zeit gefallen, der gerade deswegen so viel Charme versprüht: das Théâtre de Toone. Das traditionelle Marionettentheater für Erwachsene, das in einem verwinkelten Haus aus dem Jahr 1696 untergebracht ist, wurde 1830 von Antoine Genty, genannt Toone, gegründet. Seitdem drängt man sich hier auf den schmalen Zuschauerbänken, um den hölzernen Marionetten zu folgen, die ihr vielfältiges Repertoire in einer ganz eigenen Sprache - natürlich eingefärbt in Brusseleir-Mundart - darbieten . Von Alexandre Dumas' "Drei Musketiere" bis zu Charles Gounods "Faust" variiert das Programm jedes Jahr zwischen Stücken aus volkstümlichen Legenden, Rittergeschichten und Neuinterpretationen großer Opern. Nach der Vorstellung genießt man die Stimmung bei einem Glas Gueuze-Bier in der traditionellen Schenke des Theaters.

Die Brüsseler "Zwanze"

Kein Zweifel, die Brüsseler haben Zwanze! Aber was verbirgt sich eigentlich hinter diesem kleinen Wort, das auf der Zunge tanzt? Ein herrlich spöttischer Sinn für Humor mit einer kräftigen Portion Selbstironie, der untrennbar mit der Brüsseler Mundart und der fröhlichen Mischung aus flämischem und französischem Dialekt verbunden ist. Mehr als das: Die Zwanze ist Lebenskunst nach Brüsseler Art, die in der Mündlichkeit wurzelt und ihre Ursprünge in Literatur und Volkstheater hat. Neben Jacques Brel, den Marionetten des Toone-Theaters oder der liebenswerten Madame Chapeau (einer Kultfigur des Brüsseler Boulevardtheaters) gibt es zahlreiche weitere Botschafter dieses Brusseleir-Lifestyles, in dem sich ein lockeres Mundwerk und charmanter Hintersinn aufs Schönste mischen.