Historischer Spaziergang: Die Familie Solvay in Brüssel

14 April 2022
Fassade des Hôtel Solvay

Die belgische Industriellenfamilie Solvay hat in Brüssel zahlreiche architektonische Spuren hinterlassen – und das Hôtel Solvay ist zweifellos die prächtigste von ihnen. Dieses Meisterwerk des Jugendstils ist von nun an dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich, eine Nachricht, die viele Architekturliebhaber freuen wird! Gleichzeitig wird in der Bibliothèque Solvay, die das Herzstück des Parc Léopold bildet, eine Kunstgalerie namens "Galerie Triforium" eröffnet. Von der Brüsseler Gemeinde Ixelles bis hin zum Stadtrand in La Hulpe gibt es zahlreiche gute Gründe, um auf den Spuren der Familie Solvay zu wandeln!

Parc Léopold : vom Institut für Soziologie zur Bibliothek

Wer an die Familie Solvay denkt, dem kommt vermutlich zuerst der Name Ernest Solvay in den Sinn, der als Forscher, Industrieller, Financier und Philanthrop in die Brüsseler Stadtgeschichte eingegangen ist... Er ist einer der großen Baumeister, der den Parc Leopold einst als "Wissenschaftsstadt" gestaltete – denn die Wissenschaft betrachtete er als sein "fünftes Kind"! Ernest Solvay gründete und finanzierte dort Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts drei Institute: ein Institut für Soziologie, ein weiteres für Physiologie sowie eine Handelsschule. Das erste Institut (zu dem bereits bei seiner Gründung eine Bibliothek mit großem Lesesaal auf zwei Ebenen gehörte) ist besser bekannt als "Bibliothèque Solvay". Heute dient sie als Ort für Veranstaltungen und Kongresse, aber auch als Kunstgalerie, die das ganze Jahr über Wechselausstellungen zeigt.

Die Solvay-Bibliothek verborgen im Grün des Parc Leopold

Das Hôtel Solvay, die Jugendstilresidenz von Armand, Ernests ältestem Sohn

Der Wohnsitz der Familie Solvay, die es in der Industrie zu Reichtum gebracht hatte, ist sicherlich das prestigeträchtigste Bauwerk aus der Feder von Victor Horta und gibt Aufschluss über die großbürgerliche und mondäne Welt der Epoche. Ernests ältester Sohn Armand hatte die Leitung der Firma "Solvay et compagnie" von seinem Onkel übernommen, der 1894 unerwartet verstorben war. Er war es, der den Auftrag für dieses Privathaus gab und dem berühmten Jugendstilarchitekten dabei vollkommen freie Hand ließ. Bis heute ist das Interieur außergewöhnlich gut erhalten. Horta entwarf es als Gesamtkunstwerk und gestaltete selbst kleinste Jugendstil-Details: Betten, Hocker, Kronleuchter, Türklinken etc. Das Haus ist großzügig geschnitten, zum Glück, denn das Personal war zahlreich: Bis zu 12 Personen standen im Dienste der Familie – und ihrer Aktivitäten!

Das Erdgeschoss und das schöne Obergeschoss sind, was ihre prunkvolle Gestaltung angeht, am beeindruckendsten, denn sie dienten als Empfangsbereiche. Das zweite und dritte Obergeschoss, die Privatwohnungen der Familie, sind eher schlicht gehalten. Das Untergeschoss und die Dachgeschosse waren dem Dienstpersonal vorbehalten.

In jener Zeit orientierten sich einige der Solvay-Geschwister bereits in Richtung der eleganten Avenue Louise: Edmond, einer von Ernests Brüdern, war Eigentümer der Hausnummer 178. Alfred, sein anderer Bruder – Mitbegründer der Firma Solvay und kaufmännischer Leiter – gab 1888 bei Jules Brunfaut einen Prachtbau im Stile der Neorenaissance in Auftrag, in denen er Empfänge ausrichten wollte! Dieses Gebäude, das sich an der Nr. 137a der Avenue Louise befand, ist heute verschwunden.

Das Treppenhaus des Hotels Solvay mit Glasmalereien an der Decke

Der Parc Tournay-Solvay, das gleichnamige Schloss und die Weiße Villa, Watermael-Boitsfort

Der kaum bekannte Parc Tournay-Solvay ist ein malerischer kleiner Park am Rande des Forêt de Soignes. Alfred Solvay ließ dort 1880 ein Landhaus (oder besser gesagt einen Landsitz!) im flämischen Neorenaissance-Stil errichten, der Ende des 19. Jahrhunderts sehr in Mode war. Der Park wurde 1980 von der Region Brüssel-Hauptstadt gekauft und ein Jahr später für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Gebäude wurde jedoch 1982 durch einen Brand schwer beschädigt. Seitdem steht es leer, soll aber im Rahmen einer Renovierung in ein interuniversitäres Kompetenzzentrum für Physik umgewandelt wer

Im Park befindet sich auch die Villa blanche, d. h. die Weiße Villa, das ehemalige Gästehaus der Familie Solvay. Dieses etwas später erbaute Jugendstilgebäude beherbergt heute die "Europäische Stiftung für Bildhauerei".

Das ehemalige Haus des Obergärtners im Parc Tournay-Solvay

Solvay Brussels School of Economics and Management, ULB

Bei dieser renommierten Fakultät handelt es sich um die Fakultät für Wirtschaft und Management der Freien Universität Brüssel (ULB). Vorläufer dieser Fakultät war einst die Solvay Business School, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Ernest Solvay im Parc Léopold gegründet wurde.

Seit 2010 befindet sie sich in einem neuen Gebäude, das mit zeitgenössischer Architektur und großen Glasfronten ins Auge fällt.

modernes Gebäude der Solvay Brussels School of Economics and Management

Das Hotel Métropole

In seinem Bestreben, die Wissenschaft voranzutreiben, organisierte Ernest am 29. Oktober 1911 in dem renommierten Hotel im Brüsseler Stadtzentrum eine erste Sitzung unter dem Namen "Conseil Solvay". Er versammelte renommierte Wissenschaftler, darunter Marie Curie und Albert Einstein, die er einlud, gemeinsam die Quantentheorie zu diskutieren.

Gruppenfoto des "Conseil Solvay" u. a. mit Albert Einstein und Marie Curie

Die Familiengrabstätte, Friedhof Ixelles

Auf dem Friedhof von Ixelles können Sie die Grabstätte der Familie Solvay besichtigen. Das Werk aus Granit mit wunderbaren Jugendstilelementen wurde in zwei Phasen (1894 und 1924) von Victor Horta entworfen.

das Grabmal der Familie Solvay

Der frühere Standort der Firma Solvay und die Büste von Ernest Solvay

Manchmal sind die architektonischen Spuren verschwunden, doch die Erinnerung bleibt... In Ixelles verweist der Gebäudekomplex "Ernest the Park" explizit auf den bekanntesten Vertreter der Familie Solvay. An diesem Standort befanden sich einst die Büros der Firma Solvay.

Die Büste von Ernest Solvay in Ixelles

Das ehemalige Anwesen von Ernest Solvay, Ixelles

Dieses aus drei Häusern und einem Herrenhaus bestehende Ensemble wurde von Ernest aufgekauft und 1884 nach seinen Wünschen umgestaltet. Das weitläufige Anwesen ist von einem Park umgeben, der wiederum von einer Mauer mit schmiedeeisernem Eingangstor  eingefasst wird.

Ehemaliges Anwesen von Ernest Solvay in Ixelles - Rue des Champs Elysées

Parc Tenbosch

Der Parc Tenbosch, der heute vor allem für seine bemerkenswerte Flora bekannt ist, verdankt seine Existenz ebenfalls der Familie Solvay. Er ist der Nachfolger des Gartens auf dem Anwesen des Industriellen Louis Semet-Solvay, dem Schwager von Ernest und Alfred, von dem heute nur noch das ehemalige Pförtnerhaus (Nr. 217b der Chaussée de Vleurgat) erhalten ist.

Der Familienname "Solvay" ist in den Straßen von Brüssel weit verbreitet, z. B. in der Rue Solvay, die zwei Hauptverkehrsachsen in Ixelles verbindet, oder der Place Solvay in Schaerbeek, im Viertel des Nordbahnhofs.

eine Frau, die mit ihrem Hund im Parc Tenbosch sitzt

Das Château de La Hulpe

Auch wenn es sich nicht mehr auf dem Brüsseler Stadtgebiet befindet, kann das Schloss Château de La Hulpe an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Es ist auch unter dem Namen "Domaine Régionale Solvay" bekannt und wurde 1893 von Ernest als Zweitwohnsitz erworben.

Das Schloss von La Hulpe im sonnigen Park

Hier finden Sie den kompletten Parcours