Architektur in Etterbeek

Etterbeek, diskrete, aber sehenswerte Architektur

Die Gemeinde Etterbeek sticht architektonisch vielleicht nicht auf den ersten Blick ins Auge. Doch trotz ihrer geringen Größe kann sie mit einigen schönen und sehenswerten Bauten aufwarten. Von dem historischen Kern der Gemeinde in der Nähe des Place Jourdan sind nur noch wenige Spuren erhalten. Etterbeek weist architektonisch eine große Stilvielfalt auf, überwiegend aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert. Der Neoklassizismus, der wie überall in Brüssel stark vertreten ist, besteht hier neben Neostilen und anderen neueren Trends. Der Bau der Avenue de Tervueren Ende des 19. Jahrhunderts sowie die Nähe zu den europäischen Institutionen waren zwei prägende Elemente der städtebaulichen Entwicklung in Etterbeek. Gehen wir auf Entdeckungsreise! 

Parc du Cinquantenaire - Jubelpark - Cinquantenaire Arcade
Arcades du Cinquantenaire
Triomfboog van het Jubelpark
(Gédéon Bordiau 1905)
© visit.brussels - Jean-Paul Remy - 2023

Wir beginnen unseren Rundgang mit einem Highlight: Ausgangs des Parc du Cinquantenaire stoßen wir auf das Maison Cauchie, benannt nach dem Maler, Grafiker und Architekten, der das Haus 1904–1905 im Jugendstil errichtete. Die Originalität dieses Hauses liegt in der Dekoration seiner Fassade, die fast gänzlich mit einer Sgraffito-Komposition versehen ist, die von Cauchie selbst stammt. Cauchie und seine Frau waren Anfang des 20. Jahrhunderts überaus aktiv im Brüsseler Kunstbetrieb – siehe die explizite Inschrift „par nous et pour nous“ (von uns und für uns).

Weiter geht es zum Anfang der Avenue de Tervueren, wo Sie einige Prachtbauten bewundern können, die die Straße säumen. Werfen Sie einen Blick auf das Gebäude mit der Hausnummer 62, das 1907 im Beaux-Arts-Stil erbaut wurde und besonders reich verziert ist. Das elegante Nachbarhaus mit der Nummer 64 aus dem Jahr 1913 erinnert an die italienischen Renaissance-Paläste. Noch ein Beispiel gefällig? Das prächtige Gebäude mit der Hausnummer 72, ebenfalls im Beaux-Arts-Stil. 

Wenn Sie auf den Montgomery-Kreisverkehr zugehen, erblicken Sie zu Ihrer Rechten einen festungsartigen, imposanten Schul- und Kirchenkomplex, das Collège Saint-Michel, das typisch für den Eklektizismus ist und einige neugotische Akzente aufweist. Der Festsaal des Komplexes ist insbesondere bekannt für seine Art-déco-Elemente. Auf dem Gelände befindet sich auch eine dem Heiligen Johannes Berchmans gewidmete Kirche, die sich stärker an der Neoromanik orientiert. Aufgrund seiner Atmosphäre wurde der Ort bereits mehrfach für Dreharbeiten genutzt, z. B. für die Filme „Cloclo“ oder „Oscar und die rosa Dame“.

Weiter geht es zu der nahegelegenen Gartenstadt von Coquilhat (oder Foyer Etterbeekois), die an die Atmosphäre mancher Beginenhöfe erinnert. Sie wurde nach einer Baugenehmigung von 1922 errichtet und umfasst 92 Arbeiterwohnungen mit Privatgärten – ein gelungener Versuch, Architektur, Natur, Komfort und Gemeinschaft unter einen Hut bzw. ein Dach zu bekommen.

Die Gartenstadt Jouët-Rey ist eine weitere Siedlung mit Sozialwohnungen mit 32 Häusern, die in der Zeit zwischen 1909 und 1910 erbaut wurden. Nach einer grundlegenden Renovierung von 1997 bis 1999 wurde die Cité Jouët-Rey unter der Leitung der Öffentlichen Sozialhilfe zu einem Ort, an dem hilfsbedürftige Menschen aus der Gemeinde untergebracht werden, wobei die Aspekte Solidarität und Intergenerationalität im Vordergrund standen.

Die Militärarchitektur spielt in Etterbeek eine nicht zu unterschätzende Rolle. Da wären z. B. ehemalige Kasernen, die bis heute das Stadtbild prägen. Sie wurden im eklektischen Stil erbaut und eroberten die Gemeinde ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Das 1901 erbaute ehemalige Arsenal du Charroi ist vom Neo-Tudor-Stil beeinflusst. Während in der Nähe die ehemaligen Kavalleriekasernen von Witte de Haelen und Major Greuzet (1875-1882) eine klassische französische Architektur aufweisen. 

Wir unternehmen einen kleinen Abstecher in die Gemeinde Ixelles, um das überaus bemerkenswerte Gebäude des Rektorats der Vrije Universiteit Brussel zu erwähnen. Es handelt sich um ein Bürogebäude im modernistischen Stil – eines der letzten Meisterwerke des Antwerpener Architekten Renaat Braem, das zwischen 1974 und 1978 erbaut wurde. Dieses Gebäude in Form einer langgestreckten Ellipse verblüfft mit mehr als 700 in strengen Reihen angeordneten Fenstern! Auch das Interieur ist absolut sehenswert.

Weiter geht es zu einer der Etterbeeker Kirchen: Der Bau der neugotischen Kirche St. Antonius von Padua begann 1905, fertiggestellt wurde sie jedoch erst 1935. Die Pläne stammen von Georges Cochaux und Edmond Serneels, einem hiesigen Architekten. Architektonische Besonderheit ist ihre Verblendung aus Bruchsteinen.

Der Komplex des ehemaligen Albert Hall-Kinos und der Roseland-Festhalle steht im Zeichen des Art déco mit ägyptischen Anklängen (beachten Sie die Kapitelle der Pilaster). Zwar ist das Gebäude über zwei Straßen aus zugänglich, doch die bemerkenswertere Fassade befindet sich an der Chaussée de Wavre.  Das Ensemble wurde 1932 erbaut, aber bereits 1965 wieder geschlossen!

Weiter geht es mit einem Jugendstilgebäude von Gustave Strauven, dem Architekten, der vor allem für das fantastische Maison Saint-Cyr im Europaviertel bekannt ist. Hier hat er die Fassaden eines Eckgebäudes auf meisterhafte Weise gestaltet: Loggien, Pilaster, Sgraffiti… sehen Sie selbst! (Chaussée de Wavre 517–519) 

Bleiben wir in diesem stilistischen Labyrinth einen Augenblick lang vor dem ehemaligen Haus des Bildhauers E. De Valeriola stehen, der in Etterbeek sehr aktiv war. Sein Wohnhaus wurde 1934 im modernistischen Stil erbaut: gelber Backstein, abgerundete Fassadenelemente (Balkon, Geländer) –die ein ganz klein wenig an einen Ozeandampfer erinnern. (Rue de l'Orient 118) 

Weiter geht es in den Jardin Jean Félix Hap, wo Sie die Überreste eines ehemaligen Lustschlosses im Renaissancestil bewundern können, das wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert stammt. Leider ist es schon recht verfallen.

Dieses Haus ist eines der ältesten der Gemeinde. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1737 und wurde aus Backstein auf einem Fundament aus Bruchstein errichtet. Die Elemente der Fassade sind relativ gut erhalten. (Chaussée de Wavre 458) 

Reisen wir ein halbes Jahrhundert weiter zurück in die Vergangenheit und bewundern das älteste noch stehende Gebäude von Etterbeek. Die „Baronnie“ aus dem Jahr 1680 ist ein eher schlicht anmutendes Gebäude, das mit seinem barocken Volutengiebel ein Beispiel für ländliche Architektur ist. Es war einst von einem großen Anwesen mit Bauernhof und landwirtschaftlichem Betrieb umgeben. (Chaussée Saint-Pierre 56–58)

Architektenhäuser sind oft besonders sehenswert… das Haus von Edmont Serneels bildet da keine Ausnahme. Der Architekt wählte für sein 1902 errichtetes Wohnhaus einen eklektischen Stil mit neogotischen Tendenzen. (Rue Louis Hap 199)

Wenn Sie sich umdrehen, gelangen Sie nur ein paar Schritte weiter zu dem Haus des Architekten Jean-Baptiste Timmermans. Dieses Herrenhaus im flämischen Neo-Renaissance-Stil aus dem Jahr 1909 ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend: Beachten Sie vor allem die breite Fassade, aber auch die drei ungleichen Joche. (Rue Louis Hap 156)

Die Kindertagesstätte Sainte-Gertrude ist ein imposanter Gebäudekomplex an der Ecke Rue Félix Hap und Rue Doyen Boone. Die Baugenehmigung wurde 1895 erteilt. Der Stil ist eine erstaunliche Mischung aus Neogotik und flämischer Neo-Renaissance. Beachten Sie insbesondere den Eckturm.