Architektur in Laeken

Laeken, königlich – und noch viel mehr

Laeken ist verwaltungstechnisch keine Gemeinde im eigentlichen Sinne mehr, da sein Gebiet 1921 in die Stadt Brüssel eingegliedert wurde. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es nicht von großem architektonischem Interesse wäre. Vergessen wir nicht, dass Laeken gewissermaßen das Brüsseler Königsviertel ist, denn der belgische König residiert traditionell in der Krondomäne von Laeken. Die industrielle Entwicklung, vor allem entlang der beiden Kanalufer, und der Bevölkerungszuwachs waren ebenfalls wichtige Faktoren für die Architektur und den Städtebau in Laeken. Die Weltausstellungen von 1935 und 1958 schließlich ließen einen neuen Stadtteil entstehen, den Heysel. Bereit für einen Spaziergang, um den Norden von Brüssel ein wenig besser kennenzulernen?

Brussels Expo
Palais du Centenaire
Eeuwfeestpaleis
Centenary Palace
© visit.brussels - Jean-Paul Remy - 2023

Beginnen wir diesen Spaziergang mit einer buchstäblich königlichen Kirche, der Kirche Notre-Dame de Laeken. Als die erste Königin der Belgier, Louise-Marie d'Orléans, 1850 verstarb, wurde beschlossen, sie durch den Bau eines neuen Kultgebäudes zu ehren, das eine königliche Krypta, d. h. die Grabstätte der belgischen Herrscher, umfasste. Das Gebäude im neugotischen Stil wurde 1872 für den Gottesdienst geöffnet. Der Architekt Poelaert leitete den Bau elf Jahre lang, bevor er ihn zugunsten des Baus des Justizpalastes aufgab. Beachten Sie die Hauptfassade: In Wirklichkeit gibt es zwei Fassaden, die sich überlagern, da die Stabilität des Gebäudes fraglich war. (Vorplatz Notre-Dame)

Betreten Sie dann direkt hinter der Kirche den Friedhof von Laeken, der als der Brüsseler Père Lachaise gilt. Viele berühmte Persönlichkeiten haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden: der Dramatiker Michel de Ghelderode, die Architekten Joseph Poelaert – dessen Grabstein an das Eingangsportal seines Hauptwerks, dem Justizpalast in Brüssel, erinnert – und Alphonse Balat, der Geiger Charles de Bériot und seine Frau, die berühmte Sängerin Maria Malibran, genannt „La Malibran“, sind nur einige von ihnen. Wussten Sie, dass eine Originalversion des berühmten „Denkers“ von Auguste Rodin das Grab von Joseph Dillen schmückt? Als auf dem Kunstmarkt sehr aktive Persönlichkeit kaufte er das Werk dem Rodin-Museum ab, um es auf seinem Grab aufstellen zu lassen.

Zwischen 1899 und 1902 ließ Jules-Jacques van Ysendyck die Caserne des Grenadiers (Grenadierkaserne) im eklektischen Stil errichten, inspiriert von der Renaissance und   dem Barock. Auf diesem Militärgelände war einst das Elite-Regiment untergebracht, das für die Bewachung des Palastes von Laeken zuständig war. Wenn Sie vor dem Ehreneingang der ehemaligen Kaserne stehen, können Sie einerseits ein Basrelief bewundern, das eine Grenadieruniform darstellt, und andererseits, oberhalb der Tür, das Monogramm von Albert I. von Belgien. Die Gebäude werden heute von einer Europäischen Schule genutzt. (Drève Sainte-Anne, 86-90)

Spazieren Sie nun an der Krondomäne von Laeken entlang, um vor den Toren des Königlichen Palast von Laeken zu halten, der seit jeher als Residenz des belgischen Königs dient. Ursprünglich war er Eigentum der österreichischen Gouverneure, die die heutigen belgischen Regionen im späten 18. Jahrhundert regierten. Das Schloss Schoonenberg, also der Hauptteil des heutigen Königshauses, wurde 1784 im neoklassizistischen Stil erbaut. Das ursprüngliche Schloss und das Anwesen im Allgemeinen wurden mehrfach umgebaut und vergrößert.

Als nächstes erblicken Sie den Komplex der königlichen Gewächshäuser von Laeken, die zwischen 1874 und 1905 unter der Hauptleitung von Alphonse Balat, dem Haus- und Hofarchitekten des Königs, errichtet wurden. Insgesamt 36 Pavillons aus Glas und Eisen ragen hier in den Brüsseler Himmel. Ursprüngliches Ansinnen war es, das Gelände in einen echten Fest-, Empfangs- und Kongressbereich zu verwandeln, mit der Möglichkeitejeder Pavillon in einen Speisesaal, einen Festsaal und einen Veranstaltungssaal umgewandelt werden konnte. (Avenue du Parc Royal)

In unmittelbarer Nähe befinden sich zwei Prachtbauten: der Japanische Turm und der Chinesische Pavillon. Bei einem Besuch der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 machte König Leopold II. Bekanntschaft mit dem Pariser Architekten Alexandre Marcel, der für Laeken ein Ensemble aus mehreren Gebäuden entwarf, darunter einen japanischen Turm und einen chinesischen Pavillon. Diese wurden zwischen 1901 und 1910 mit der Absicht gebaut, die Beziehungen zwischen Europa und dem Fernen Osten zu würdigen... Wussten Sie, dass einige Teile der Dekoration des japanischen Turms originale und antike Stücke sind, die direkt aus Japan stammen?

Um das Heysel-Gelände zu erkunden, müssen Sie gut zu Fuß sein... aber die Anstrengung lohnt sich! Wenn Sie den Weg durch den Parc Osseghem nehmen, werden Sie schnell feststellen, wie weitläufig die Kulisse ist... Kein Wunder, immerhin fanden hier in den Jahren 1935 und 1958 zwei Weltausstellungen statt: Was bleibt von diesen beiden Ereignissen übrig? Das Atomium natürlich, das Brüsseler Wahrzeichen, 9 Kugeln aus Edelstahl, die durch 20 Rohre miteinander verbunden sind und 9 Atome oder ein elementares Eisenkristall darzustellen, das 165 Milliarden Mal vergrößert wurde! Wussten Sie, dass das Gebäude anlässlich der Weltausstellung 1958 erbaut wurde und nach der Veranstaltung abgerissen werden sollte? Wir gehen zurück ins Jahr 1935, um die fünf majestätischen Paläste zu bewundern, die für die Ausstellung im Art-déco-Stil errichtet wurden. Heute gibt es sogar zwölf Paläste gibt. (place de l’Atomium, 1 und place de Belgique)

Machen Sie anschließend einen kleinen Abstecher zum Planetarium des Königlichen Observatoriums von Belgien. Das modernistische Gebäude (1971-1973) ist unschwer an seiner Kuppel zu erkennen. In ihrem Inneren nimmt Sie ein riesiger Bildschirm mit auf eine Reise ins Weltall. Das Gebäude ersetzt ein anderes Planetarium, das 1935 anlässlich der Weltausstellung errichtet wurde. (avenue de Bouchout, 10)

Die Kirche Saint-Lambert et du Sacré-Cœur ist in Laeken eher unbekannt. Das Gotteshaus im neugotischen Stil wurde in der Zeit zwischen 1902 und 1906 erbaut, d. h. noch vor der eigentlichen Entwicklung des Heysel-Geländes. Die perfekt symmetrische Kirche wirkt von außen eher bescheiden. Stoßen Sie die Tür auf und bewundern Sie das prachtvolle Interieur! (Place Saint-Lambert, 38)

Weiter geht es zum Jardin Colonial, einem ehemaligen Akklimatisierungsgarten für exotische Pflanzen, der heute ein öffentlicher Park ist. An einem der Eingänge befindet sich eine Villa, deren Stil man in Brüssel nur selten antrifft: Es handelt sich um ein Cottage im normannischen Stil, das einst dem Obergärtner des Parks als Wohnhaus diente. (Avenue des Ebéniers, 41)

Im weiteren Verlauf des Parcours haben Sie Gelegenheit, das Privathaus des Architekten Auguste Hanssens zu bewundern, das 1913 im Stil der flämischen Neorenaissance erbaut wurde – beachten Sie den charakteristischen Stufengiebel. Obwohl es im 20. Jahrhundert erbaut wurde, scheint dieses Haus im Vergleich zu seinen Nachbarn aus einer ganz anderen Zeit zu stammen! (Boulevard Emile Bockstael, 415)

Auch die Architektur von Sozialwohnungen hat in einigen Fällen seinen Reiz. Das Foyer laekenois verkörpert die ganze Kreativität einer Architektur, die sich per se durch begrenzte finanzielle Mittel auszeichnet. Die Entstehung dieses Komplexes von Sozialwohnungen im Jahr 1920 ist dem Laekener Architekten und Politiker Fernand Brunfaut zu verdanken. Den renommierten Architekten, die ab seinem Bau beteiligt waren – Diongre, Dewin, Robberechts – gelang der Spagat zwischen Originalität und kostengünstigen Materialien. Interessant ist vor allem die schlossähnliche Fassade an der Ecke der Rue Mabille und Rue Delva (Häuserblock Mabille-Delva-Fransman-Fineau).

Dieses Gebäude aus dem Jahr 1907, dessen Funktion als Gericht – Friedensgericht – mehrfach an seinen Wänden festgehalten wurde, weist eine originelle Fassade mit fünf Schrägen auf. Weißer Putz, Giebel mit korinthischen Säulen – ja, wir befinden uns tatsächlich mitten in der neoklassizistischen Periode. (Rue Fransman, 89)

Das ehemalige Rathaus von Laeken wurde 1912 im Stil der französischen Neorenaissance erbaut und weist eine gewisse Eleganz und Pracht auf. Die Gemeinde nutzte es jedoch nur neun kurze Jahre lang, nachdem Laeken 1921 von der Stadt Brüssel eingemeindet wurde. Seit 2003 wird der Ort vom Maison de la Création, einem Kulturzentrum im weiteren Sinne, genutzt. (Place Bockstael)

Und abschließend – weil ein Brüsseler Architekturspaziergang ohne Jugendstil kein echter Architektursparziergang ist – finden Sie sich vor dem einstigen Wohnhaus und Atelier des Malers und Dekorateurs Gustave Losange-Salu ein, das sich in eklektischem Stil mit Tendenz zum Jugendstil zeigt. 1909 wurde es bei dem von der Gemeinde ausgerichteten Fassadenwettbewerb ausgezeichnet. Seine geschwungenen Formen sind großzügig und das sehr schöne Sgraffito stellt ein echtes Werbeschild dar, wobei die Inschrift „pictura" die Absichten noch weiter verdeutlicht. (Avenue Richard Neybergh, 160)